„Extraschicht“ lockt 200.000 Menschen ins Ruhrgebiet

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Am Zukunftsstandort Ewald wurde ein Feuerwerk in der lauen Sommernacht abgebrannt.

Von Carmen Möller-Sendler RUHRGEBIET - An der Emscher in Gelsenkirchen-Heßler fallen am Samstagabend zwischen den einsamen Anglern fröhliche Grüppchen mit Picknickkorb und Karodecke auf. Und Scharen von Fußgängern und Radlern, die unterwegs sind zum Emscher Schacht 52/53.

Das Bauwerk ist die Attraktion Nummer eins auf der langen Liste von 50 Spielorten der „Extraschicht“, der langen Nacht der Industriekultur: Hier unterquert ein Stück der 51 Kilometer langen Emscher in 25 Metern Tiefe den Rhein-Herne-Kanal auf seinem Weg durchs Revier. Das 350 Meter lange Teilstück konnte besichtigt werden.

„Extraschicht“ heißt es auch im 1938 gegründeten Chemiepark Marl, am Zukunftsstandort Ewald, der ehemaligen Zeche in Herten, an der futuristischen Oberhausener Federbrücke „Slinky Springs to Fame“, dem Essener Unesco-Welterbe Zeche Zollverein und in sechs LWL-Museen der Region. Auch Orte wie der Maximilianpark in Hamm, eine ehemalige Zeche, die als Strukturwandel-Vorreiter bereits 1984 erfolgreich zum Freizeit- und Veranstaltungsort umgewandelt wurde, die Moritz-Fiege-Brauerei in Bochum – eine der letzten ihrer Art – oder das Bergwerk West in Kamp-Lintfort, in dem bis vor einem halben Jahr noch gefördert wurde, sind dabei.

In Gelsenkirchen wandern unterdessen die ersten verhinderten Emscher Schacht-Besucher zu ihren Parkplätzen zurück, während die überfüllten Shuttle-Busse noch immer Neuankömmlinge ausspucken.

In dieser 13. Nacht der Industriekultur werden die alten und neuen Industriebauten mit rund 450 Veranstaltungen bespielt, und an die 200 000 Menschen – darunter viele in den Shuttlebussen, die die Spielorte verbinden – sind unterwegs, um sich das anzusehen. Auch die drei Freunde Martin, Christian und Thorben, die aus dem Harz, aus Ulm und Berlin in den Pott kamen, um hier zu leben und zu arbeiten. Gerade haben sie sich im Dortmunder Brauereimuseum schlapp gelacht über die beiden Poetry-Slammer Tobi Katze und Rainer Holl. Jetzt stehen die drei mit gezücktem Handy-Taschenrechner im Brauerei-Innenhof und suchen Leute, die mit ihnen auf die große Waage steigen: Die Gruppe, die genau 350 Kilo erreicht – als Joker dürfen Taschen und gerne auch Kleidungsstücke abgelegt werden – gewinnt einen Kasten Bier. „Es ist eine tolle Idee, Kultur für junge Leute zu bieten“, sagt Medizintechniker Thorben. „Keinen blanken Party-Tourismus, sondern tatsächlich was für den Geist.“ Gleich wollen sie weiter ins Dortmunder U, wo sich wie überall bei dieser „Extraschicht“ auch die junge kreative Szene des Ruhrgebietes in einem Extra-Schwerpunkt präsentiert – von der 3 D-Drucker-Mitmach-Aktion bis hin zum Kino-Live-Projekt.

Eher Mitte 40 plus ist die Szene, die in der Alten Kaffeerösterei Lünen Kunst und Kunsthandwerk zeigt. In diesem kreativen Gewerbehof bleibt kein Raum ungenutzt, steckt hinter jeder Tür eine neue Überraschung. Hintersinniges und Kreatives wie die „Pasta al dente“, Nudeln in Zahnform, oder die bunten Glaskugeln, die Perlenmacherin Martina Rittig Stück für Stück über einer Flamme dreht. Hier stecken drei fröhliche Herren die Köpfe zusammen und posieren für die Pop-Art-Fotokunst von Gabriele Protze und Anja Cord, dort agiert ein Dutzend Männer für eine Kunstaktion als Häftlinge. Die Sonderausstellung „Das bewegte Schwein“ zeigt alte Autoreifen mit Fotomontagen, auf denen ein Schwein mit Sprechblase die verschiedenen Spielorte der Extraschicht kommentiert, und im Hof spielt die Cottage Allstars-Band satten 80er Jahre-Rock. Dirk Beckmann, Inhaber eines Computerladens in Dortmund und Lüner Bürger, staunt über die bunte Szene: „Das habe ich vorher nie so wahrgenommen!“

Ebenso wie in der Kaffeerösterei gibt es auch in den Hagener Elbershallen an diesem Abend Führungen, die historische und neue Nutzung des Industriestandortes erläutern. In der früheren Stoffdruckerei Elbers herrscht eine verwunschene Stimmung: Wunderschöne historische Gebäude, von denen jedes seinen ganz eigenen Stil hat, stehen im Kreis um eine Rasenfläche mit prachtvollem altem Baumbestand. Windlichter und Fackeln beleuchten die unwirkliche Szenerie, in der ein Stelzenläufer mit rotem Frack und Zylinder umherstakst und altmodische gewandete Mägde sich um die Wäsche kümmern, während der Herr Gendarm den Besucherdamen auf der Piazza saftige Melonenstücke anbietet. In den vergangenen fünf Jahren ist hier ein Freizeit- und Vergnügungsort entstanden, an dem das „Theater an der Volme“ ebenso seinen Platz hat wie die Großraum-Disco, ein Indoor-Spielplatz, der evangelische Jugendzirkus und Gastronomiebetriebe. „Die Hagener haben diesen Standort schnell schätzen gelernt“, sagt Klaus Fiukowski, Programmkino-Betreiber und Event-Organisator. Andere haben die Elbershallen erst zur „Extraschicht“ kennen gelernt und bleiben. Es ist kurz vor Mitternacht, doch es sieht nicht so aus, als ob hier in wenigen Minuten tatsächlich Feierabend sein wird.

Wie immer klagen viele über überfüllte Busse und schlechte Organisation. Und wer die „Extraschicht“-App auf dem Handy hat oder gar facebook, ist klar im Vorteil: Um 22 Uhr 50 meldet die „Extraschicht“-facebook-Seite, die Lage am Kanal habe sich entspannt. Bis 2 Uhr fänden in Gelsenkirchen Führungen statt, und morgen sei übrigens auch noch ein Tag: Der „Tag des offenen Kanals“ nämlich. Womit ein Ziel der „Extraschicht“ erfüllt wäre – dass die Menschen wiederkommen zur Industriekultur, die sie in dieser Nacht kennen gelernt haben.

Quelle: wa.de

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