Zur 14. Extraschicht der Industriekultur kommen 150 000 Besucher

Eine Lasershow lief bei der Extraschicht im Deutschen Bergbaumuseum in Bochum. - Fotos: dpa

Von Edda Breski BOCHUM/DORTMUND -  Von außen werden die Industriebauten des Ruhrgebiets erleuchtet, als Landmarken der Erinnerung. Von innen werden sie mit Klang vermessen. Den Förderturm in Bönen, den östlichsten Spielort der Extraschicht 2014, füllen urtümliche Klänge von Alphorn und Didgeridoo; durch das LWL-Industriemuseum in Hattingen klingt Jazz, hier hat das Klavierfestival Ruhr einen zweiten Spielort eröffnet.

In den meisten Fällen aber hat das Ruhrgebiet an diesem Abend einen chilligen Sound: entspannt und leicht nostalgisch. Bei der 14. Extraschicht, der langen Nacht der Industriekultur, konnte man sich auf die Suche begeben nach dem Klang des Ruhrgebiets. Nach dem Rekordbesuch mit 200 000 Besuchern im vergangenen Jahr kamen diesmal bei Regen und lauen Temperaturen nur 150 000.

Am Dortmunder U leuchten die Videobilder in Schwarz-Rot-Gold wie die Flaggen an den geparkten Autos, vor dem U legt ein DJ auf. Vor seinem Container, der wie ein Wohnzimmer eingerichtet ist, harren bei Tröpfelregen, Bier und Bratwurst ein paar Zuhörer aus, auf der Suche nach dem urbanen Sommergefühl. Das U selbst reizt mit seinem hohen, offenen Eingangsbereich Hobbyfotografen. Auf die weiße Wand im Rolltreppenhaus sind Bilder von Fenstern projiziert. „Endlich kann man mal ungestört bei anderen ins Zimmer gucken“, sagt eine Frau.

Auf der Etage des Medienkunstvereins Hartware gibt es auf Bildschirmwänden einen Vorgeschmack auf die Ausstellung „Jetzt helfe ich mir selbst“. Die Filme funktionieren ein wenig wie Unfallbilder: Sie sind vorhersehbar, und man empfindet Schadenfreude beim Anschauen, wie bei der Aufnahme eines Mädchens, das sich beim Lockenbrennen eine ganze Strähne absengt. Im Nebenraum kann man einen eigenen Kurzfilm machen, einen Clip mit Symbolbildern und Emoticons. 30 Minuten dauert die Produktion des eigenen Kunstwerks.

Um das große Freiheitsgefühl geht es eine Etage tiefer. Dort ist, neben dem Teletennis, hier als WM-Spiel mit Fußball-Joysticks aufgebaut, eine Greenbox eingerichtet. Man kann sich dort auf einen Hocker legen und sich virtuell auf Laptop und Leinwand über New York fliegen sehen – oder durchs Weltall. Die Technik ist „sichtbar“, ein grüner Rand umlagert die Fliegenden, so wirken die Aufnahmen noch nostalgischer, wie in einer alten TV-Serie. Eine Gruppe älterer Besucher umlagert die Greenbox. Die Fliegenden lächeln glücklich. Fußball-Jubelgesänge wabern durch die Räume. Eigentlich lautete das Motto der Extraschicht „Zuhause in Europa“, inoffiziell ging es an vielen der 50 Spielorte um Fußball.

Im Bochumer Stadion, Nordtribüne, herrscht tatsächlich eine Stimmung wie kurz vor dem Spiel. Es ist voll, Fangesänge werden angestimmt, Selfies geknipst. Chile hat gerade gegen Brasilien verloren. Auf dem Bochumer Rasen laufen die Player des Abends ein: Sechs Chöre mit Deutschland-Blumenketten und Fahnen, und die Bochumer Symphoniker. Unter ihrem rührigen Chef Steven Sloane spielen sie ein Best of Stadion, Melodien, die jeder Fußballfan schon mal mitgegrölt hat. Ein Day of Song für Balltreter und WM-Gucker. Auch das Stadion ist ein neuer Spielort und die perfekte Bühne für die BoSys und Sloane. „You’ll never walk alone“ klingt etwas wackelig, es gibt Abstimmungsprobleme. Der Unterschied zwischen Oper und Fußball, witzelt Sloane nach dem Triumphmarsch aus „Aida“, ist: „Am Ende der Oper sind Tenor und Sopran tot. Im Fußball wird nur gebissen.“ Ein paar Minuten später hat er alle mitgerissen: Das „Steigerlied“ steigt in den grauer werdenden Himmel. Feuerzeuge und Handylichter glühen, als Sloane im VfL-Trikot „We are the Champions“ dirigiert. Bei Elgars „Pomp and Circumstance“ bittet er die Hobbysänger, sich zurückzunehmen: „Das Orchester spielt auch schön.“

Es ist dunkel geworden. Zeit für Lichtkunst. In Unna hat Günther J. Schaefer auf langen Stäben weiße, innen erleuchtete Häuser aufstellen lassen. Die schwebenden Häuser schimmern auf dem Friedhof neben dem Unnaer Lichtkunstzentrum, zwischen Nadelgehölz und Grabsteinen, wie Seelenlichter im Märchen. Plötzlich wummert Bass, eine entspannte Stimme singt darüber ein paar Zeilen. Als die Musik verstummt, klingt laut der Regen auf Blättern.

Ein Jahrmarkt wimmelt leuchtend um die Jahrhunderthalle in Bochum. Drinnen spielen noch bis Mitternacht Klavierstudenten aus Essen, Köln und Düsseldorf Skriabin und Liszt. Das Hallendach ist orange angestrahlt. Von draußen dröhnen Bässe und das Gesumm vieler Menschen. Vom Wasserturm haben sich Akrobaten abgeseilt und bekommen stürmischen Applaus. In der Turbinenhalle dröhnen geschichtete Klänge, Klangverwirbelungen, Verschiebungen. Der amerikanische Komponist Ari Benjamin Meyers überträgt in „Just in time – just in sequence“ Ablaufmodelle der Transportwirtschaft in eine Klangmatrix. Den Titel hat er aus der Logistik übernommen, so spiegelt er das, was, außer der so genannten Kreativwirtschaft, das neue Ruhrgebiet prägt: Lkw und Lagerhallen statt Bergwerken und Stahlhütten. Entstanden ist die Arbeit für das Detroit-Projekt am Bochumer Schauspiel.

Die Klänge einer Nacht drängen sich zusammen: Basssequenzen, eine Jazzband, Klavierläufe. Es gibt noch Bier und Currywurst. Vor der Jahrhunderthalle steht ein junger Mann auf der Bühne und bittet den Schlagzeuger: „Mehr Besen.“ Begleitet von der Jazzband preist er in langen Satzketten das urbane Wir-Gefühl.

Die nächste Extraschicht soll am 20. Juni 2015 stattfinden.

www.extraschicht.de

Quelle: wa.de

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