Expressionist Max Pechstein im Kunstmuseum Ahlen

„Vier Akte in Landschaft“ von Max Pechstein, zu sehen im Kunstmuseum Ahlen. ▪ Fotos (5): Kunstmuseum

Von Achim Lettmann ▪ AHLEN–„Hier sitz ich“, hat Max Pechstein unter seine kleine Zeichnung geschrieben, die er im Stammbuch des Weinhauses Habel 1911 in Berlin hinterließ. Ein Jahr später ist eine Skizze datiert, die die Geburt seines ersten Sohnes feiert: „Paul Frank ist da, 1912“.

Pechstein hinterließ seine künstlerischen Spuren, er malte nicht nur im Atelier. Er zählte zu den modernen Künstlern, die hinausgingen in die Natur und auf dem Kunstmarkt neue Aufgaben fanden. Eine Ausstellung in Ahlen macht im Rahmen einer großen Retrospektive zum Brücke-Künstler auf diesen Aspekt aufmerksam. Ab Sonntag ist angewandte Kunst von Max Pechstein im Kunstmuseum zu sehen: farbige Buchillustrationen, Holzschachteln mit Götzenbild (Kupfer, getrieben und geritzt), Mosaikbilder wie den „Engel der Vertreibung“, eine aquarellierte Einladung, eine Speisekarte, auf der ein Mann von Aal und Krebs in die Zange genommen wird. Es ist herrlich, sich diesen Details zu widmen, wenn man das Rezept zur Bouillabaisse liest, auf das „Hammelkeule mit Beschamelkartoffeln“ folgt.

Viele Beispiele dazu gibt es nicht mehr. Die Bestände sind während des 2. Weltkriegs in Berlin verloren gegangen. Aber die Ausstellung „Max Pechstein. Ein Expressionist aus Leidenschaft“ zeigt, was es noch gibt. Zum Beispiel eine monumentale Entwurfsarbeit: „Anbetung der Könige“ (1917). Das Jesuskind empfängt die heiligen Drei mit offenen Armen. Die Figuren stehen wie auf einem mittelalterlichen Bildtableau, gelb-blaue Zierflächen begrenzen die Motive und orientieren sich an mediterranen Vorbildern. Pechstein schöpfte aus der Kunstgeschichte. Ein Glasfenster zeigt, dass der Expressionist die scharfkantige Moderne mit der „Madonna mit Kind“ (1917) verbunden hat.

Pechstein (1881–1955) verließ im Streit die Dresdener Künstlergruppe „Brücke“. Das war 1912. Er warf Kirchner, Heckel und Co. vor, dass sie einem Modernismus folgten, einen Stil schaffen wollten, um über die Zeiten hinweg zugehen. Pechstein wollte ein Kernmotiv seiner Arbeit nicht verleugnen. Die Suche nach dem Ursprung, die für ihn die Harmonie zwischen Natur und Mensch bedeutete. Die Ausstellung in Ahlen dokumentiert auch das. Ein Raum ist den Bildern gewidmet, die sich direkt auf die Insel Palau beziehen – in der Südsee. Wie das Gemälde „Badende Knaben in der Brandung“ (1917) und zahlreiche Zeichnungen („Palau Mondscheintanz“, 1914). Noch wirkt sein expressiver Zugriff auf das Thema. Auf Palau hatte Pechstein ein Glücksgefühl empfunden, weil er die Insulaner als Naturvolk erlebte. Als 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, musste er mit seiner Frau Lotte das Paradies verlassen, das dann von japanischen Truppen okkupiert wurde.

In der Kunstgeschichte ist Max Pechstein mit Gemälden wie „Wiesenrand“ (1910) und „Stillleben mit Fruchtschale“ (1912) notiert, die die klassische Moderne atmen. Oder mit „Blauer Tag“ (1911), in dem Pechstein seine Lotte in Bewegungsstudien variierte, nackt und in der Landschaft der Kurischen Nehrung bei Nidden. Auch mit „Vier Akte in Landschaft“ (1910), das den gegensätzlichen Einsatz der Farben Rot und Blau zeigt, der Pechstein zeitlebens beschäftigte.

Die Retrospektive in Ahlen mit rund 120 Exponaten ist die einzige NRW-Station und dokumentiert auch die Gelenkstellen im Oeuvre. Mit der Mappe „Das Vater Unser“ demonstriert der Maler 1921 noch die Meisterschaft des expressiven Holzschnitts. Die Menschen zeigt er ängstlich und demütig auf 21 Bildern zum christlichen Bekenntnis. Die Kriegsschrecken wirken noch nach.

Fortan zieht die aktuelle Stilentwicklung an Pechstein allerdings vorbei. Die Harmonie von Mensch und Natur fällt in „Frische Brise“ (1921) schon etwas schablonenhaft aus. Die mediterrane Stimmung in „Monterosso al Mare“ (1924) erinnert an die Matisse-Schüler Max Purrmann und Rudolf Levy. Pechstein verehrte Henri Matisse und Vincent van Gogh. Die Bilder „Aufgezogene Keitelkähne“ (1939) und „Die Schiffbrüchigen“ (1953) erzählen davon, dass Max Pechstein eben kein nennenswertes Alterswerk mehr beschieden war. Und doch ist es interessant, diesem Maler nachzuspüren. Die Ausstellung in Ahlen ermöglicht das. Und sie schließt an eine Ausstellung an, die 2001 im Kunstmuseum die Sammlung Gottfried Heinersdorff präsentierte: „Farblicht“. Seinerzeit wurden sechs Bilder von Pechstein gezeigt, die im Besitz der Familie Heinersdorff sind. Der Maler hatte für den Glaskunstproduzenten Entwürfe in seiner Berliner Zeit geschaffen.

Die Schau

Die Chance, das gesamte Werk eines bedeutenden Künstlers zu sehen, der in den späten Jahren an Kraft verloren hatte.

Max Pechstein. Ein Expressionist aus Leidenschaft im Kunstmuseum Ahlen

10. Juli bis 1. November; di, mi 14 bis 18 Uhr, do 14 bis 20 Uhr sa, so 11 bis 18 Uhr; Katalog 29 Euro, Hirmer Verlag, München. Tel. 02382 / 91 830

http://www.kunstmuseum-ahlen.de

Quelle: wa.de

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