Song für Song: Der Eurovision 2013 im Schnelldurchlauf

Die Sängerin Anouk startet für die Niederlande. -  Foto: dpa

Von Ralf Stiftel Ein buntes Liederfest ist der Eurovision Song Contest 2013, auch wenn einige Stammkunden fehlen, die Türkei zum Beispiel und Portugal. Und die Wuchtbrumme aus Israel schied im Halbfinale aus. Die Rap-Astronauten aus Montenegro hingegen fehlen keinem. Ist noch genug schräges Zeug übrig. Auf zum Schnelldurchlauf.

1. Amandine Bourgeois eröffnet den Abend für Frankreich. Dieses Blues-Luder schreckt alle auf, die sich noch warmschunkeln. Ihre Giftstimme wetteifert bei „L’Enfer et moi“ mit der Ätzgitarre. Die bleibt im Ohr, egal wie sehr danach geschmalzt wird.

2. Strubbelige Haare, Lederjacke, Elektrogitarre: Andrius Pojavis aus Litauen möchte gern Rocker sein und trotzdem Schwiegermamas Liebling. Genauso klingt „Something“. Durchschnittlich.

3. Wundern Sie sich nicht, warum Aliona Moon aus Moldau am Mikro steht wie festgeschraubt. Und warum sie so ein weites Kleid trägt. „A Million“ ist eine Ballade, wie man schon einige gehört hat. Aber am Ende schraubt sie nicht nur die Stimme nach oben. Hauptsache auffällig.

4. Krista Siegfrids bettelt für Finnland im Popcorn-Pop-Sound „Marry Me“, heirate mich. Zwei Muttis in roten Schürzen jallern im Hintergrund, drei maskierte Zwerge tragen die willige Schöne auf Händen. Im Norden kennt das Weib noch seinen Platz.

5. Für Spanien hat El Sueño de Morfeo den Dudelsack ausgemottet. Das ist auch bitter nötig, damit man beim lauwarmen Folkpop von „Contigo hasta el final“ irgendetwas hat, was sich abhebt.

6. Jahrelang waren die Beiträge aus Belgien originell, aber erfolglos. Jetzt machen sie’s andersrum, präsentieren einen Justin-Bieber-Verschnitt, der sich bei „Love Kills“ bemüht, den Ton zu halten. Und schwupps, steht Roberto Bellarosa im Finale.

7. Weißes Wallekleidchen, weichgespülte Wohlfühlmelodie. Willkommen in Estland, wo Birgit Oigemeel alles tut, um die Hörer einzulullen. „Et uus saaks alguse“ handelt angeblich vom Ende des Winters, in Wahrheit aber vom Ende des Tages.

8. Aljona Lanskaja kommt aus der Glitzerdiskokugel und lässt uns das Schlimmste für die Lage in Weißrussland fürchten. Kleidung scheint knapp zu sein. Damit sie nicht friert, hüpft sie bei „Solayoh“ ordentlich rum.

9. Gianlucca Bezzina zeigt für Malta, dass weniger mehr sein kann. Er trällert „Tomorrow“ zur Ukulele wie ein Straßenmusikant abends am Strand, und seine Kumpel verbreiten Frohsinn dazu.

10. Den Überschlag hat Dina Garipowa perfekt auf den Stimmbändern. Für Russland fragt sie „What If“ in einer tränenlösenden Ballade. Und was, wenn nicht?

11. Was treibt eine gut aussehende, allem Anschein nach intelligente Frau wie Natalie Horler dazu, die Dancefloor-Schlampe zu geben? Egal, wo Cascada mit „Glorious“ für Deutschland landet – das Lied ist einfach nur peinlich. Selbst wenn es nicht geklaut wäre.

12. So hört sich das an, wenn Armenien einen der harten Jungs anheuert. Toni Iommi, Gitarrist von Black Sabbath, schrieb den Dorians „Lonely Planet“. Leider kann der Wolle-Petry-Verschnitt am Mikro böse nun gar nicht.

13. Fragen Sie nicht, was das soll mit den Vögeln, die von den Dächern fallen. „Birds“ von Anouk gewinnt bei jedem neuen Anhören noch – dunkle Harmonien, langsamer Sechs-Achtel-Takt, perfekter Gesang. Das Lied aus den Niederlanden ist einfach toll.

14. Die roten Rohre, die von der Decke hängen, sind Blutkonserven. Klar, Cezar singt für Rumänien „It’s My Life“, und der Graf schwingt sich als Countertenor in transsilvanische Tonhöhen. Mit der schrillen Stimme locht er jede Vene. Praktisch auch, dass der Lift für Moldau schon eingebaut wurde.

15. Großbritannien war mal Mutterland des Pop. Jetzt kommt von dort Bonnie Tyler mit „Believe In Me“ nach Malmö, 61 Jahre alt, von ihrer einstigen Form weit entfernt. Ein Comeback ohne Klasse und Lust.

16. Schmachten und Sehnen, Schmachten und Sehnen, Schmachten und Sehnen. Robin Stjernberg hat einmal in einer Boygroup gesungen. Das wird man sein Leben lang nicht los. Er steht mit „You“ für Schweden auf der Bühne.

17. Der Typ mit der Strickmütze sieht aus, als ob er sich verirrt hätte. Aber er ist wirklich Frontmann von ByeAlex, der für Ungarn „Kedvesem“ vorträgt. Ist das noch tiefenentspannt oder doch völlig verpeilt? Wer Aufregung braucht, schaut sich das Aquarium an.

18. Achja, die barfüßige Elfe aus Dänemark, die Favoritin Emmelie de Forest, die den ESC-Fans erst die Flötentöne beibringt, ihnen dann noch eins trommeln lässt, und am Ende gibt’s bei „Teardrops“ auch noch einen Funkenregen. Ein tiefer Griff in die Mike-Oldfield-Kiste. Achja.

19. Da kann man die blonde Mähne durchbürsten, einen Maßanzug anziehen, die Zähne putzen, mit Kamillentee gurgeln und sanfte Töne anstimmen. Zausel bleibt Zausel. Eythor Ingi Gunnlaugsson für Island mit „Ég á lif“.

20. Da kam die böse Fee und versprach Farid Mamedow: Wenn ich deine Seele in einen Glaskasten sperren darf, verhelfe ich dir zum Sieg beim Song Contest. Tatsächlich singt der Jüngling mit „Hold Me“ für Aserbaidschan. Aber seine Seele musste mit auf die Bühne und zappelt im Kasten. Ein Sieg ist da nicht drin. Feen sind nicht mehr, was sie einmal waren.

21. Die Lage ist schlecht in Griechenland. Aber Agathonas Iakovidis zupft die Mpaglamadaki zum Rembetiko und verspricht mit der Gruppe Koza Mostra allen Überschuldeten Trost: „Alcohol Is Free“. Und es rockt. Nie trug man Röcke mit mehr Sex.

22. Ein Riese mit Federn am Kopf trägt Slata Ognewitsch auf die Bühne, damit sie für die Ukraine „Gravity“ schmettert. Musical-Pathos, Retortenrhythmen, Tralala. Das hat man schnell vergessen. Aber der Mann. 2 Meter 40!

23. Mit dem Styling übertreibt Marco Mengoni etwas. Aber nach ein paar Takten von „L’Essenziale“ vergisst man das. Große Canzoni-Kunst aus Italien.

24. Umpfa, umpfa, umpfa, huijuijuijuijui. In Norwegen gibt’s reichlich Strom für Synthesizer. Margaret Berger singt „I Feed You My Love“ kalt wie der Norden.

25. Zum Ende hin macht er einen Ausfallschritt, und sie schmiegt sich an ihn, und das ist fast so schön wie der Moment, wo Kate Winslet in Leonardo DiCaprios Griff am Bug der Titanic die Arme ausbreitet. Nodi Tatshvili & Sophie Gelovani schmachten in „Waterfall“ für Georgien auch ziemlich dramatisch, bleiben aber leider über dem Wasser.

26. Und noch einmal fahren sie die Trommeln auf, für Irland. Ryan Dolan schallt „Only Love Survives“. Aber wichtig sind nur die drei Burschen mit den Tattoos, die die Stöcke schwingen und die Muskeln tanzen lassen.

Quelle: wa.de

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