1. come-on.de
  2. Kultur

„Eurotrash“ mit Angela Winkler und Joachim Meyerhoff bei den Ruhrfestspielen

Erstellt:

Von: Achim Lettmann

Kommentare

Szene aus dem Stück „Eurotrash“ bei den Ruhrfestspielen.
Im Streit vereint gehen Christian (Joachim Meyerhoff) und seine Mutter (Angela Winkler) auf Reisen. Szene aus dem Stück „Eurotrash“ bei den Ruhrfestspielen. © Schellhorn

Das Festspielhaus in Recklinghausen ist voller Menschen. Und Jan Bosses Bühnenfassung vom Roman „Eurotrash“ mit Angela Winkler und Joachim Meyerhoff begeisterte.

Recklinghausen – Joachim Meyerhoff ist unter einer Kaputze unsichtbar, als er an den Requisiten nestelt, während das Publikum im Theaterhaus Platz nimmt. Meyerhoff spielt die Hauptrolle in Jan Bosses Bühnenfassung zu Christian Krachts Roman „Eurotrash“ (2021). Er wird noch einige Verwandlungen durchmachen an diesem großartigen Theaterabend. Die Ruhrfestspiele haben in Recklinghausen wieder ein Haus voller Menschen. Parallel fand die Choreografie „Colossus“ von Stephanie Lake im Kleinen Haus statt. Eine Deutschlandpremiere.

In dieser Festspielzeit ist „Eurotrash“ einer der Höhepunkte des Sprechtheaters. Immer haben die Festspiele Startheater ins Ruhrgebiet gebracht. Diesmal das Theater am Lehniner Platz aus Berlin mit Angela Winkler. In den Volker-Schlöndorff´-Filmen „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) und „Die Blechtrommel“ (1979) nach Günter Grass waren ihre Frauenfiguren Teil des Neuen Deutschen Films geworden. In Recklinghausen spielt die 77-jährige eine derangierte Mutter. Winkler gibt der Alkohol- und Tablettenabhängigen jene Unberechenbarkeit, aus der heraus selbst die Angst ihres Sohnes verständlich wird, den sie mit Vorhaltungen unter Druck setzt: „Ich habe seit deiner Kindheit nicht mehr geschlafen.“

Regisseur Jan Bosse, der mit Bettina Ehrlich eine Dialogfassung des Kracht-Romans geschrieben hat, richtet ein schicksalhaftes Mutter-Sohn-Verhältnis ein, das an einem krassen Wochenende offengelegt wird. Meyerhoff, der Christian spielt, will den „Kaninchenbau der Erinnerung“ hinter sich lassen. Er buhlt um Verständnis, legt den Parka ab, zieht die Schuhe aus, um im hellblauen Anzug den Sohn hinzustellen, den seine Mutter gern gehabt hätte. Seht her, was ich alles machen muss! Alle zwei Monate nach Zürich zu den „Strizzis“ und den Erniedrigungen, die von einer boshaften Frau ausgehen. Dass ihm sein Vater die Expressionisten seiner Kindheit genommen hat, spult Meyerhoff sarkastisch herunter, blieben doch nach der Scheidung der Eltern nur zweitklassige Bilder zurück. Marc, Kirchner, Munch waren weg. Ein Kulturverfall.

Meyerhoff hat die Scharnierfunktion im Stück. Er blickt spöttisch in die Vergangenheit und lässt seinen Großvater als SS-Sturmbannführer den nordischen Mythos ehren, in dem er einem isländischen „Aupair“ an die Wäsche will. Deutsche Geschichte verbindet sich zu einer Familientragödie, die autobiografische Bezüge zu Christian Kracht selbst aufweist. In der Schweiz geboren, verbrachte der Schriftsteller seine Jugend auf Internaten – oft im Ausland. Sein Vater war Medienmanager des Springer-Konzerns.

Auf der Bühne stoppt Frau Kracht den selbstgerechten Umgang mit der Familie. Angela Winkler im gelben Kostüm löst ihre komatöse Haltung auf und schießt: „Was bereust Du am meisten?“ Wie sie ihre Amnesie überwindet, ihren Sohn beleidigt („Du siehst aus wie ein nasser Hund“) und von erfolgreichen Aktienkäufen spricht, ist tragikomisch und ein ruppiger Triumph. Gegensätze werden körperlich ausgereizt, wenn Meyerhoff halsbrecherisch auf ein Schiffsdeck steigt, das seine Mutter mit zwei Drehungen locker einnimmt. Die Slapstick-Einlagen gelingen, und Meyerhoff wird zum Komödianten eines gescheiterten Stammhalters. Als er die Stoma-Beutel seiner Mutter wechseln muss, wird es ekelig. Solche Alltagsbewältigungen stiften Meyerhoff zu clownesken Nummer an. Wohin damit? Er ist hier nur noch der Handsman.

Das Segelschiff (Bühne: Stéphane Laimé) wird zum herrlichen Sinnbild für eine Reise, die Mutter und Sohn nun durch die Schweiz unternehmen. Eigentlich mit dem Taxi, aber sie will ja nach Afrika, und so ist der Einmaster eine materialisierte Illusion für alles, was beide nie erreichen: selbstbestimmt sein.

Mit 600 000 Franken in der Plastiktüte bezahlt Mutter alles, was ihr über den Weg läuft. Die Distanz zum eigenen Tun ist aber ein Zustand, der hier jede Aufarbeitung unterläuft. Christian rutscht in einen Jugendtraum – er verehrte David Bowie –, wo er mit Ritz-Ritualen seinen Missbrauchsschmerz linderte, eine Internatserfahrung. Auch seine Mutter war als Elfjährige missbraucht worden. Beide verbindet das Schicksal. Und in ihrem wütenden Monolog rechnet Angela Winkler vom Bug des Schiffes aus ab: Sie hält ihm Knausgard, Kehlmann und Flaubert vor, eine Farce, aber wirkungsvoll. Meyerhoff windet sich. Als er sie in der Psychiatrie in Winterthur wieder abgibt, lässt er ihr die Vorstellung, in Afrika zu sein. Versöhnlich – bis zum nächsten Mal.

Das Publikum war begeistert und warf Rosen – vor allem für Angela Winkler.

Auch interessant

Kommentare