Etta Scollo und Joachim Król erinnern bei den Ruhrfestspielen an „La catastròfa“

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Erzählt von der Katastrophe: Joachim Król.

RECKLINGHAUSEN - Die Geschichte von „La catastròfa“ ist eine grausame Geschichte. Eine von Tod und Ungewissheit und von Frauen, deren Männer, Brüder und Söhne nicht zurückkehren. Aber die Geschichten, die davon erzählt werden, sind Geschichten von Liebe. Mit Gesang und Erinnerungen gestalten der Schauspieler Joachim Król und die italienische Sängerin Etta Scollo einen Abend des Gedenkens bei den Ruhrfestspielen.

Am 8. August 1956 um 8 Uhr morgens geschah im belgischen Marcinelle ein schreckliches Unglück. Unter Tage brach ein Brand aus. Von 274 Bergleuten, die eingefahren waren, kam ein Dutzend lebend wieder heraus. Unter den Toten waren 136 Italiener. Es war die Folge eines Deals: Für jede Einheit von 1000 italienischen Kumpeln, die nach Belgien zur Arbeit gingen, nahm Italien 1500 Tonnen Kohle ab. Das war für die Belgier der Anreiz, rücksichtslos zu fördern.

„La catastròfa“ beginnt als Oratorium, mit Satzgesang aus dem Bereich der geistlichen Musik. Scollo hat zwei Männer und zwei Frauen als Begleitung mitgebracht, dazu eine Cellistin und eine Akkordeonistin. Aber Scollos Stimme spielt die Hauptrolle, ihr kehliger, packender, erdiger Gesang. Die Musik ahmt einen Zug nach, bildhaft und direkt. Sie singt vom Aufbruch eines jungen Mannes aus Sizilien. Er ist arm wie eine Kirchenmaus, fährt mit 200 Gramm Brot und ein paar Oliven in einem Krug in die Ferne. Fremde Namen, fremde Orte für den jungen Mann; für deutsche Ohren klingen sie aber nach Romantik und Fernweh. Von dieser Überlagerung bezieht „La catastròfa“ nostalgische Wärme.

Fotos aus Marcinelle selbst werden sparsam gezeigt. Es geht nicht um eine Nacherzählung, es geht um gemeinsame Gefühle. Die Texte stammen von dem italienischen Journalisten Paolo di Stefano, der Interviews mit Bergleuten, Witwen und Waisen 2011 in dem Buch „La catastròfa“ versammelte. Es verwundert zunächst, wie Joachim Król die Namen italienischer Kumpel von der Zunge rollen lässt. Aber die samtige Stimme und der gefühlvolle Erzählstil nehmen nicht überhand, sie dienen der Geschichte.

Unmittelbar nah kommt dem Publikum dieser Abend, weil keiner Angst vor Gefühligkeit hat. Wenn Etta Scollo das Walzerlied „Es war eine kurze Liebe“ singt, in dem eine junge Witwe von ihrem Verlust erzählt, dann ist das auch schön. Liebe ist etwas Schönes, Erinnerung ist etwas Bitterschönes. „La catastròfa“ ist entfernt von dem Sozialrealismus etwa von Franz-Josef Degenhardts „Tonio Schiavo“. Stattdessen geht es um geteilte Geschichte. Im Ruhrgebiet erinnert man sich allerorten an Geschichten von Sirenen, schwarzem Rauch und dem bangen Warten auf Nachrichten von Angehörigen. Deshalb ist das Publikum in Recklinghausen spürbar berührt, auch wenn Król in die Rolle eines verwaisten Jungen schlüpft und berichtet, wie vor dem Unglück die italienischen Kinder von ihren belgischen Altersgenossen als „dreckige Makkaroni“ beschimpft wurden. Nach dem Unglück waren sie alle „copains“, Kumpel.

Ein Belgier, erzählt Król, sagte den Italienern ins Gesicht, sie seien gerade zum Krepieren gut. Dann die Befriedigung in Króls Stimme, als er berichtet, wie der Italiener dem Belgier dafür ins Gesicht schlug. Unter den Arbeitern entsteht Respekt. Auch das ist geteilte Geschichte.

Die Geschichte hatte ein bitteres Nachspiel. Der Ingenieur, der zugelassen hatte, dass in der Nähe von elektrischen Leitungen Öl austrat, kam mit sechs Monaten Haft auf Bewährung davon. Davon berichtet ein tragikomischer Chor, der die Ausreden der Verantwortlichen aufs Korn nimmt. Schadenersatz konnten die Angehörigen der Bergleute nicht beantragen. Zivilklagen waren rechtlich ausgeschlossen. Alles, was sie sich ersetzen lassen konnten: die Kleider, die die Toten auf dem Leib gehabt hatten.

Quelle: wa.de

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