Essens Museum Folkwang feiert Roland Topor: „Panoptikum“

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Die Gewalt kommt lachend daher: Roland Topors Farbzeichnung „Ondulation de Suzanne“ (1977) ist im Museum Folkwang in Essen zu sehen.

ESSEN Die beiden Kerle auf der Waldlichtung amüsieren sich königlich. Der eine ist in die Knie gegangen und kitzelt eine Nackte mit einem Zweig. Die Frau hingegen hat sich abgewandt, scheint aber nicht fliehen zu können. Ihr Körper hat seine Festigkeit verloren, ist in Wellen geschwungen. Roland Topors Zeichnung von 1977 umschreibt eine Vergewaltigung, zumindest einen sexuellen Übergriff. In seinem Titel „Ondulation de Suzanne“ bezieht sich der Zeichner auf die biblische Episode von Susanna im Bade. Er behält die Grausamkeit bei, aber er wendet die Szene ins Absurde.

Zu sehen ist das Blatt im Museum Folkwang. Es widmet dem französischen Zeichner, Autor, Dramatiker, Schauspieler und Filmemacher die große Werkschau „Panoptikum“ mit rund 210 Werken. Topor hätte in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert, gewiss ein Anlass, an diesen Universalkünstler zu erinnern. Aber er hatte sogar einen Bezug zum Ruhrgebiet. 1990 hatte er an der Inszenierung von Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ an der Aalto-Oper in Essen mitgearbeitet, nicht nur 17 Einzelbilder für das Bühnenbild entworfen, sondern auch die Kostüme. Die für Papageno und Papagena werden bis heute im Fundus verwahrt und sind nun ausgestellt. Sie sind bunt, gewiss, aber alles andere als kindlich-naiv: Bei ihr spart das farbige Gefieder den Busen aus. Der Vogelkäfig, den er wiederum trägt, hat die Form eines Menschen, was recht eindringlich die Bürde charakterisiert, die er mit sich schleppt.

Roland Topor (1938-1997) wurde in Paris als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer geboren. Sein Vater wurde während der Besetzung durch die Deutschen interniert, konnte aber entkommen. Die Familie floh in die Provinz, Topor und seine Schwester wurden bei einer Pflegefamilie untergebracht. Das Gefühl des Verfolgtseins hinterließ Spuren, ein dauerhaftes Misstrauen beim Künstler.

Schon während seines Studiums an der École des Beaux-Arts in Paris veröffentlichte Topor Zeichnungen in Magazinen, absurde, zuweilen provokative Cartoons, wie den „Hausierer“ (1963), dessen Beine amputiert wurden und den nun ein missmutig dreinschauendes Mädchen auf den Schultern trägt. Oder den Elefanten, der seine Stoßzähne in den Boden gehauen hat und auf ihnen balanciert (1965). Diese irritierenden Cartoons, pointenlos und verstörend, erschienen im Magazin Hara-Kiri, das wegen seiner scharfen Satiren auf de Gaulle verboten wurde und sich später in Charlie Hebdo umbenannte. Eine Zeit lang illustrierte er von Paris aus politische Kommentare der New York Times, was nicht unkompliziert war. Man las ihm die Artikel am Telefon vor, er schickte seine Karikatur mit der Luftpost.

Man erkennt bei Topor viele Einflüsse, aber vor allem erinnert seine Bildsprache an die Surrealisten. Wie bei Max Ernst wirken viele Blätter wie Fundstücke aus alten Flugschriften. In die Zeichnung „Il s‘est attardé en route“ (1969) schreibt er den Namen Magritte, aber die zerbeulte, deformierte liegende Figur bezieht sich noch mehr auf Dalí. All diese Meister sind gegenwärtig in den Bilderzählungen, die Topor so ideenreich ausführt. Herrlich absurd sind die Blätter, die er zu Texten von Félix Fénéon schuf, der im 19. Jahrhundert aus der Nachricht eine literarische Form machte, indem er Meldungen von Verbrechen und Unfällen in zwei, drei Sätzen konzentrierte. Da hat dann der gefasste Dieb „Hase von Montmartre“ tatsächlich Nagezähne und lange Ohren, und ein Mädchen klammert sich an den gefassten Verbrecher, als sei er ihr Kuscheltier, das die Polizisten verschleppen wollen.

Seine Illustrationen zu „Alice im Wunderland“ bevölkert er mit bunten, fein gestrichelten Mischwesen, die Zeichnungen Paul Klees entsprungen sein könnten. Aber er kennt auch die Grausamkeit der Surrealisten. Im Blatt „Le Menteur“ (Der Lügner, 1975) küsst ein Pinocchio eine Nackte, aber seine lange Lügennase bohrt sich durch ihren Kopf. Und im Blatt „Das Lachen“ (1971) teilt der hochgezogene Mund den Kopf bis über den Augapfel, der scheinbar nur von Zähnen gehalten wird. Zu dem Blatt wurde Topor von Fotos von verkrüppelten Soldaten des Ersten Weltkriegs angeregt. In der Farblithografie „La rumba du pendu“ (Die Rumba des Gehenkten, 1972) nutzt er die Drucktechnik zu einer Art Doppelbelichtung, und die flirrende Unschärfe weckt wirklich den Eindruck, als pendele der Hingerichtete am Baum.

Die Essener Schau bietet auch eine schöne Auswahl der Film- und Theaterplakate, Topor arbeitete Anfang der 1990er Jahre für die Münchner Kammerspiele, er schuf aber auch Plakate für Schlöndorffs Verfilmung der „Blechtrommel“. Sein literarisches Schaffen ist naturgemäß in der Ausstellung nicht so präsent, am bekanntesten wurde seine fiktive Autobiografie „Memoiren eines alten Arschlochs“. Aber seine Filme laufen. Im Kurzfilm „Les Escargots“ (Die Schnecken, 1965) verwüsten Riesenschnecken eine Stadt. Ein paar Auszüge geben außerdem einen Eindruck des animierten Science-Fiction-Streifens „La planète sauvage“ (1973), der den Spezialpreis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes gewann.

Bis 30. 9., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 000, www.museum-folkwang.de,

Katalog, Steidl und Diogenes Verlag, 25 Euro

Quelle: wa.de

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