Erzählungen von Fritz Beer in dem Band „Das Haus an der Brücke“

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Fritz Beer (1908-2006) ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Manchmal ist es lustig im Krieg. Da gerät Martin, der in der tschechoslowakischen Armee in Frankreich gegen die Deutschen kämpft, in den Verdacht, selbst ein Deutscher zu sein. In dem kleinen Bergdorf in Südfrankreich kennt man sich in den geografischen Details nicht so aus. Martin wird festgenommen und erst mal verpflegt mit Bratkartoffeln, Omelette, Käse und Wein. „Man behandelt die Spione gut in diesem Land“, denkt er. Am Ende aber muss er fliehen, was bei den schlichten Gemütern seiner Bewacher nicht so schwer fällt. Er trifft dann einen Jungen, der ihn vor einem Spion warnt, der „französisch mit tschlowakischem Akzent“ spricht.

Bei dieser Erzählung von Fritz Beer kann man schon an Jaroslav Haseks braven Soldaten Schwejk denken. Ziemlich schelmenhaft zieht sich auch Beers Held aus der Affäre. Aber der Band „Das Haus an der Brücke“ erschöpft sich nicht in solchen Momenten. Der Autor hat in der Sammlung, die zuerst 1949 erschien, eigene Erfahrungen verarbeitet. Die heiteren Szenen sind darin deutlich in der Minderzahl.

Fritz Beer (1908-2006) sollte deutlich bekannter sein. Der aus Brünn stammende Schriftsteller, deutschsprachig, jüdisch, hatte in Prag als Journalist gearbeitet, bis die Deutschen das Land besetzten. Dann ging er ins englische Exil, bis er sich 1940 freiwillig zu den Auslandstruppen an die Westfront in Frankreich meldete. Nach dem Krieg arbeitete er als Korrespondent in London für deutsche Zeitungen, aber auch für den deutschsprachigen Dienst der BBC.

Wer will heute Kriegserzählungen lesen? Beer beweist, dass das lohnt. Seine Texte sind frei von Verharmlosung, auch wenn es heitere Episoden gibt. Sein Buch stellt dem Leser den kleinen Krieg vor, aus der Perspektive des Einzelnen, der in ein großes Chaos stürzt und unvermittelt vor moralischen Herausforderungen steht. Heldentum kennen diese Texte nicht, das Leitmotiv steht am Beginn einer Erzählung: „Wir sind alle roh. Weil wir Soldaten sind.“ Und Beer besteht in vielen Geschichten stets auf der humanen Perspektive. Was macht man mit einem feindlichen Fallschirmspringer, der einem in die Hände fällt? Der Ich-Erzähler und sein Kamerad holen schon den Notverband heraus. Aber er stirbt, was ihnen eine Entscheidung abnimmt. Beer aber stellt die Frage noch einmal: „Was hätte ich mit ihm machen sollen?“

Wie lange sich ein Feuergefecht im Schützengraben hinzieht, das schildert Beer ebenso wie die Tragödie des französischen Heimkehrers, der seine Geliebte geschoren vorfindet, weil sie sich mit einem Deutschen einließ. Was bleibt? Zunächst ein Kind, ein „kleiner Boche“. Es sind ganz allgemein-menschliche Situationen, die aufbrechen, zufällig im Krieg, von ihm vielleicht zugespitzt. Aber die Gewissensfragen stellen sich auch heute noch.

Selbst der Ich-Erzähler nimmt moralischen Schaden, als er auf der Flucht vor den deutschen Invasoren einen farbigen Soldaten aus den Kolonien trifft, dem überall Rassismus entgegenschlägt. Aber als ihm auf einem Bauernhof ein Abendessen angeboten wird, da verleugnet er den Kameraden. Die Erzählung endet mit einem vernichtenden Urteil: „Ich schämte mich.“ Beer schreibt alles in einer Prosa auf, die kunstlos erscheint, aber fein auf das Wesentliche hin komponiert ist. Diese Einfachheit will erst gefunden sein.

Fritz Beer: Das Haus an der Brücke. Arco Verlag, Wuppertal/Wien. 184 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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