Erstmals neue Stücke nach dem Tod von Pina Bausch

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Im Wirbel von Plastikbechern: Szene aus dem neuen Tanzabend der Pina Bausch Compagnie im Opernhaus Wuppertal.

WUPPERTAL - Vielleicht liegt es an dem roten Kleid. Der fließende, weiblich geschnittene Stoff gehört zum ikonischen Bild der Tänzer von Pina Bausch, man denke nur an das Plakat zum Film von Wim Wenders. Aber man kann auch so kaum die Augen wenden von Aida Vanieri mit den langen schwarzen Locken, die einige Volkstanzschritte skizziert, lächelnd.

Ganz aus der Tiefe der Bühne weht ein türkischer Tanz. Plötzlich schwebt vom Balkon der Ton einer Violine, das Solo aus Ralph Vaughan Williams‘ „The Lark Ascending“, wehmütig und etwas sentimental (live gespielt von Christoph Huber). Auf der Bühne der Wuppertaler Oper tanzt nur noch ein junger Mann in kurzen Sporthosen, selbstvergessen kreiselnd. Ein empfindlicher Augenblick fast am Ende des neuen Stückes „somewhat still when seen from above“.

Der Choreograf Theo Clinkard hat es für das Tanztheater Wuppertal geschaffen, als Teil der ersten Premiere seit 2009. Ganz bescheiden hat das von Lutz Förster geführte Ensemble den neuen Abend nur „Neue Stücke“ genannt. Aber bescheiden ist er nur in einem Punkt: Er zeigt Transitionsstücke und tut nicht so, als sei die Truppe schon weit von dem überlebensgroßen Einfluss Pina Bauschs entfernt. In den drei Choreografien gelingt dem Ensemble etwas Wichtigeres: Es zeigt, wie es sich neu formiert, welche Wunden noch da sind, seit die charismatische Anführerin starb, aber welche ungeheuren kreativen Prozesse auch der Neuanfang freisetzt. Alle drei Stücke leben davon, dass sie Tänzer in verschiedenen Stadien der Entwicklung zeigen: von Vanieris Gelassenheit bis zu der Kraft und Neugier der ganz jungen Ensemblemitglieder. „Neue Stücke“ ist ein Drei-Stunden-Abend, der Tanz als Arbeit an Körper, Geist und Seele zeigt.

Alle drei Choreografen zeigen poetische Bilder und einen stillen, oft melancholischen Humor. Allen ist eine bestimmte poetische Komik eigen, die sehr dem Wuppertaler Stil entspricht und durchgehend leise ist, auch wenn sie ins Skurrile umschlägt. Neben Theo Clinkard, der das Ensemble in Probiersituationen und Gruppenfindungsprozessen zeigt, wurden das Duo Cecilia Bengolea und Francois Chaignaud und der Brite Tim Etchells beauftragt. Bengoleas und Chaignauds Beitrag überrascht am meisten und ist am schönsten anzusehen. „The Lighters/ Dancehall Polyphony“ fusioniert englische Madrigale, melancholische Gesänge aus dem 16. Jahrhundert, mit jamaikanischem Dancehall. Poesie und Wehmut kontrastieren nicht, sondern befruchten die Energie der wilden jungen Tänzer, die sich am Boden fortbewegen wie elektrisch aufgeladene Raupen. Eine Gruppe trägt Kerzen herein und singt das Madrigal „The Silver Swan“ von Orlando Gibbons. Daraus entwickelt sich eine eigentümlich bewegende Szene, als die Kerzen nach und nach ausgehen und Andrey Berezin, seit 1994 Mitglied von Bauschs Ensemble, seinen Körper, dem man die jahrzehntelange harte Arbeit ansieht, in einem rosa Bodysuit bewegt. „Farewell, all joy“, heißt es im Text. Es ist ein Schwanengesang.

Aber das etwa 40-minütige Stück bleibt nicht dabei. Die Bühne öffnet sich in die Tiefe, Beats pumpen zwischen den Gesang, alle Tänzer kommen in einer Reihe nach vorne. Was für eine Energie!

Ironisch und selbstbewusst ist Breanna O’Mara. Die große, schmale Tänzerin mit den langen roten Haaren singt atemlos „You don’t own me“, ein Lied, bei dem wirklich jeder, der sich irgendwie für Tanz interessiert, einen „Dirty Dancing“-Flashback hat. Sie hebt die langen Beine bis ans Ohr, dreht sich, markiert ihr Terrain. Wuppertal hat junge, starke Tänzer wie O’Mara, die lernen, Szenen zu entwickeln und zu tragen.

Tim Etchells hat 65 Minuten der Erkundung der Zeit und ihres Vergehens gewidmet: „In Terms of Time“. Dies ist ein langsames Stück voller leiser Bilder. Tänzer verstecken sich hinter Zimmerpalmen und kommen heran wie der Wald von Dunsinane. Eine Frau ruft hinter dem Gewächs hervor: „Can you see me?“ Die Gruppe streut Plastikbecher auf die Bühne und versucht, in Müllsäcken Luft zu fangen. Ein wenig politisch wird es. Eine dunkelhäutige Frau streut sich Puderzucker auf Arme und Beine und leckt ihn ab. Eine Tänzerin fragt ins Publikum: „Are we connected?“ Hier findet Selbsterkundung statt. Deswegen wirkt gerade dieses Stück noch sehr langsam und skizzenhaft. In Wuppertal sind sie auf der Suche.

22., 23., 24.9., Tel. 0202/ 563 76 66, www.pina-bausch.de

Quelle: wa.de

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