Eröffnung der Ruhrtriennale mit „Leila und Madschnun“

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Krieg und Liebe im Sand: Nadine Schwitter und Hagen Matzeit in „Leila und Madschnun“ bei der Ruhrtriennale. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Die Wüste liegt in der Bochumer Jahrhunderthalle: Tonnenweise Sand, in dem sich ein wracker Tanklastzug festgefahren hat. Das Militärfahrzeug schwebt später meterhoch über der Szene und wird per Drehbühne bewegt. Schon immer setzte die Ruhrtriennale auf das Außergewöhnliche. Zum Auftakt seiner zweiten Spielzeit spart Intendant Willy Decker nicht am Material bei seiner Inszenierung von „Leila und Madschnun“. Decker will die Weltreligionen zum Leitmotiv seiner Arbeit machen. In diesem Jahr steht der Islam im Blick, und in Zeiten globaler Krisen ist der offene Blick auf die fremde, inzwischen oft als feindlich verstandene Kultur allemal verdienstvoll.

„Leila und Madschnun“ wäre auch ein schöner Bezugspunkt. Das zwischen 1180 und 1188 verfasste Liebesepos des persischen Dichters Nizami prägt die arabische Welt. Darin geht es um ein Liebespaar, dessen Beziehung durch Leilas Vater verboten wird. Queis wird daraufhin zum Wahnsinnigen, zu Madschnun, der besitzlos durch die Wüste irrt, dem die Tiere folgen und der seiner aussichtslosen Liebe in berückenden Versen Ausdruck verleiht. Der Wahnsinn steht für eine Grenzüberschreitung, für das Ungeheuerliche.

Leider vertraut Decker dieser Geschichte nicht und versucht, sie uns durch Aktualisierung näher zu rücken. Einen Text, „frei nach Nizami“, schrieb der Dramatiker Albert Ostermaier. Der erfindet eine Rahmenhandlung um einen tödlich verwundeten Soldaten, der im Fieber die Geschichte nachlebt. Aus dem unglücklichen Paar wird so ein Beziehungsdreieck, und weil Leila und Madschnun sich nie berühren, dafür aber Salam den großen Liebenden oft genug bedrängt, auf die Schulter nimmt oder mit ihm in den Sand fällt, erzählen die Bilder von einer ganz anderen Liebe als Nizami in seinem Text.

Decker spielt außerdem Golfkrieg, lässt lautstark Granaten detonieren und Maschinengewehre rattern und spielt vielleicht sogar auf den Luftangriff von Kundus an. Doch wie er die Akteure führt, darunter die Sänger des ChorWerks Ruhr und zahlreiche Statisten, das bleibt weit hinter der Realität heutiger Kriege zurück. Da rangeln Uniformierte und deuten Schüsse pantomimisch an. Diese Sandkastenspiele offenbaren die Hilflosigkeit einer Regie, die offensichtlich kein Verhältnis zu ihrem Stoff gefunden hat. Wie banal ist das erzählt: Im Krieg hat die Liebe keine Chance. Decker setzt mit dem Festival-Schwerpunkt ja ein Thema, und als Künstler mit Gespür für Spiritualität sollte er doch Formen finden für einen schönen fremden Stoff. Leider begnügt er sich mit dem Vordergründigen, mit dem erstbesten Einfall, mit dem Anschluss an eine Tagesaktualität, die allzuschnell vergessen ist, mit Kitsch. Und weil Ostermaier kein Drama gelang, sondern nur eine Reihe Monologe, rührt die große Liebesgeschichte nicht ans Herz.

Am ehesten noch bewegt die Musik des palästinensisch-stämmigen Komponisten Samir Odeh-Tamimi. Zwar ist sie über weite Strecken illustrativ-klangmalerisch. Aber gerade in den expressiven Instrumentalsoli, in den alle Register auslotenden Flötenkadenzen und den irritierenden Blockakkorden des Akkordeons spürt man jene Faszination des Absoluten, jene Hingabe ins Absolute, die doch den Kern von Nizamis Geschichte ausmacht. Die musikFabrik unter Peter Rundel spielt beeindruckend.

Imponierend auch, wie Countertenor Hagen Matzeit die technisch anspruchsvolle Partitur meisterte. Aber warum greift der Komponist die Rollenverteilung der westlichen Barockoper auf, wo er doch das Wissen und die Mittel hätte, Madschnun mit der Tonalität des Orients an unsere Ohren zu bringen?

Aleksandar Radenkovic spielt den Salam: Viel Text, aber leider wenig Differenzierungen. Nadine Schwitter als Leila dagegen hat nicht so viel zu sagen, ist oft bloß Objekt der Statisten in den Gruppenszenen. Da fällt es auf, wenn Michael Prelle als Madschnuns Vater Text und Gesten mit Emotionen und Tiefenschärfe zeigt.

24., 26., 28., 30.8., 1., 3.9.,

Tel. 0700/20 02 34 56,

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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