Ernst Marows Malerei auf Schloss Cappenberg

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Porträt eines Gemüses: Ernst Marows Bild „Für Juan S.C.“ (2014) ist in Cappenberg zu sehen.

Von Marion Gay SELM - Der Stamm ist flechtenüberwachsen, der Felsen scheint zersplittert. Die Abendsonne taucht alles in goldenes Licht. Die Landschaft im Bild „Stimme des Waldes IV“ (1998) wirkt unberührt und magisch.

In der Retrospektive „Magie der Wirklichkeit“ präsentiert der Kreis Unna auf Schloss Cappenberg rund 150 Ölgemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken von Ernst Marow als letzte Ausstellung vor der mindestens einjährigen Renovierungsphase. Die Arbeiten des in Kiel lebenden Künstlers betören mit ihrem ausdrucksstarken, magischen Realismus. So zeigt das Bild „Für Juan S.C.“ (2014) einen schlichten Staudensellerie, der mit seinem fleischigen Stamm und der intensiv-grünen Farbe wie eine riesige Dschungelpflanze aussieht.

Marow wurde 1934 in Königsberg in der Neumark (heute Polen) geboren und musste 1945 mit der Familie nach Niedersachsen flüchten. Das Trauma der Entwurzelung brachte den damals Elfjährigen dazu, sich zu den Gartenpflanzen und in Phantasiewelten zurückzuziehen. „Man betrachtete die Dingwelt nicht wie sie war, sondern beurteilte sie danach, ob man sie essen oder verkaufen konnte“, sagt er über die Nachkriegszeit. Ihm selbst ging es immer darum, die Dinge als solche wahrzunehmen. „Wenn man den Gegenstand ernst nimmt, kommt das Gefühl, man würde davon erschlagen.“

Behutsam nähert sich Marow den Landschaften, die bei ihm wie Stillleben wirken. „Alles ist selbst erlebt, die Steine angefasst“, sagt er. Im Bild „Adler und Stein“ (1989–2009) lehnen Hölzer wie Zaunpfähle zwischen den Kieseln, der aufragende Stein erscheint als zerklüfteter Felsen. Die Szene ist bekannt und wirkt trotzdem wie aus einem Traum.

Marow studierte in den späten 50er Jahren in Berlin unter anderem bei Heinrich Graf Luckner, der ihn nachhaltig beeindruckte. Angesicht der Übermacht der Abstrakten verließ Marow jedoch vorzeitig die Akademie und entwickelte seine realistische Malweise nahezu autodidaktisch weiter. Da er praktisch mit nichts dastand, wie er erklärt, fing er an, sich den simplen Dingen zuzuwenden, den Grashalmen, der Erde, dem Wasser, der Luft, den Tieren. Er macht Skizzen in der Natur, fotografiert, beobachtet lange. Auch seine Bilder überbearbeitet er oft über Jahre, bis sie für ihn stimmen. So arbeitete er an der Arbeit „In einem Blitz von Gold und Wolke“ (1979–2007) fast dreißig Jahre. Den Tiger, dessen Streifen sich mit den Gräsern vermischen, skizzierte er im Zoo. Im Bild ist der Zaun unter den Pflanzen versteckt, das goldene Licht wirkt tropisch. Dem Porträt seiner Frau (2005–2015) widmete er sich zehn Jahre. Auf dem Bild sieht sie aus wie eine Königin oder ein Löwe. Sie taucht auch, etwa als Kalypso, in dem beeindruckenden grafischen Hauptwerk „Für Odysseus“ (2000–2014) auf, das aus 107 Radierungen besteht. Eine Auswahl davon zeigt, wie frei Marow mit dem antiken Thema umgeht.

Bis 30.8., di – so 10 – 17.30 Uhr, Tel. 02306/71170, www.kreis-unna.de; Katalog 24 Euro

Quelle: wa.de

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