Erlösungsloser Ehekrieg im Albee-Drama in Essen

Sie setzen alles ein: Szene mit Jan Pröhl und Ines Krug aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Foto: Matthias Jung

Essen – Wie spielt man in Corona-Zeiten Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Wollf?“, ein so physisches Beziehungsdrama, in dem sie sich küssen, würgen, nah kommen, sich eben berühren, nicht nur an den wunden Seelenstellen, sondern auch körperlich? Ist diese Geschichte nicht völlig veraltet, fern von uns, wie von einem fremden Planeten? Wo geht man nach einer Fakultätsfeier noch mit zu Fremden, um auf die Whiskeys noch ein, zwei, drei mehr zu schütten?

Karsten Dahlem inszeniert am Grillo-Theater Essen den modernen Klassiker so, dass man diese Fragen schnell vergisst. Was auch damit zusammenhängt, dass er tolle Schauspieler einsetzen kann. Ines Krug und Jan Pröhl sind Martha und George, ein eingespieltes Ehepaar, das seine Beziehung über eine Abfolge quälerischer Spiele führt. Sie, die Tochter des Universitätsdirektors, wirft ihm vor, ein Versager zu sein, als Geschichtsprofessor wie als Mann. Sie hat noch späte Gäste eingeladen, den jungen ehrgeizigen Biologen Nick (Alexey Ekimov) und seine Frau (Lene Dax), die nur „Süße“ genannt wird. Zwei Stunden lang fließt der Alkohol, während George und Martha sich nach allen Regeln der Kunst beharken.

Das geschieht in Essen oft bemerkenswert leise. Inga Timm hat die Bühne auf einen leeren weißen Raum reduziert, der mit einem Vorhang verdeckt und mit Glastüren verschlossen werden kann. Der große Kühlschrank ist das einzige Mobiliar und birgt nicht nur Getränke und Gläser, sondern auch Georges Hose. Und manchmal setzt sich Martha auch rein. In diesem sterilen Raum hält man Abstand, ohne dass das weiter auffiele. Je mehr sich das Paar in seinem Ehekrieg derangiert, desto mehr Wandteile fallen und geben den Blick auf die düstre Hinterbühne frei, wo Pianist Hajo Wiesemann spielt und manchmal ein Sänger Schubert vorträgt.

Regisseur Dahlem nimmt Albees Drama nicht so sehr als realistisch-psychologische Szenen aus dem akademischen Milieu. Und es stellt sich ja auch die Frage, inwieweit man das alles ernst nehmen muss. Zum Beispiel die Geschichte des erfundenen Sohnes, mit dem Martha die Leere in ihrer Beziehung überdeckt. Dahlem hebt den absurd-komischen Spielcharakter im Gezänk hervor. Albees Stück hat einen zyklischen Charakter, es gibt immer neue Runden, bei denen weder ein Anfang noch ein Ende festzumachen sind. Dahlem arbeitet heraus, dass Martha und George einem ganz anderen Paar ähneln: Wladimir und Estragon aus Becketts „Warten auf Godot“. Eine Erlösung ist auch ihnen nicht vergönnt. Ihre Aussicht besteht darin, sich in schnapsgetränkten Wortgefechten immer weiter zu verletzen. In diesem Kontinuum ist alles verhandelbar, benutzbar, veränderlich. Wenn man einen tödlichen Verkehrsunfall braucht, ist stets ein Igel zur Hand, dem der erfundene Sohn ebenso ausweicht wie der Vater in dem Rührstück, das George zuvor schon aufgetischt hat. Am Ende überlagern sich lateinische Trauerformeln von George, Marthas Klagen um das verlorene Phantasiekind, Musik und Gesang zu einer Gesamtkomposition, eine Apotheose, die aber zu keiner wirklichen Läuterung führt.

Krug und Pröhl beherrschen die Szene souverän. Sie ist eine vollreife Prinzessin, wenn sie im weiten Reifrock hereintänzelt. Sie kommandiert ihren Gast Nick wie eine Domina zum Strip, aber sie gurrt auch nach einem Kuss ihres Gatten und kann in drei Sätze große, heimliche Zärtlichkeit legen. Pröhl setzt seinen Körper ebenso ein wie den zynischen Intellektuellenton. Allein wie er seinen bloßen Bauch knetet, streichelt, beklatscht, wie er sich in Sumoringer-Pose wirft, wie er den Kühlschrank beleckt, in dem Martha sitzt. Dax und Ekimov machen einiges aus ihren Nebenrollen, insbesondere Dax‘ „Süße“ kommt zwar naiv, aber weniger doof rüber als in manch anderer Inszenierung. Großer, verdienter Beifall.

21., 23., 24.10., 18., 19., 20.12., Tel. 0201/ 8122 200, www.theater-essen.de

Quelle: wa.de

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