Die Erinnerungsorte der Antike

Von Jörn Funke ▪ Im Jahr 490 v. Chr. besiegte ein athenisches Heer ein persisches Expeditionskorps in der Ebene von Marathon. Die europäische Zivilisation sei damals vor der orientalischen Despotie gerettet worden, schreibt Hegel. Die Schlacht sei bedeutender für die britische Geschichte als jene von Hastings 1066, so der englische Philosoph John Stuart Mill im 19. Jahrhundert. Marathon ist mehr als eine Schlacht. Es ist einer von 33 Erinnerungsorten der griechischen Antike, die jetzt in einem formidablen Sammelband beschrieben werden.

Das Konzept der Erinnerungsorte, in den 1980er Jahren von dem französischen Historiker Pierre Nora begründet, umfasst konkrete Orte, Erzählungen und Ideale, die das Geschichtsbild prägen – Troja, die Epen Homers und die attische Demokratie. Das Interesse gilt nicht nur dem historischen Ereignis, sondern auch der Vorstellung, die sich spätere Generationen von diesem machen. Drei Bände der Reihe sind seit 2000 zur deutschen Erinnerungskultur erschienen, ein weiterer widmet sich dem antiken Rom (2006).

Wie ein Ereignis mit Bedeutung überladen wird, zeigt der Kölner Althistoriker Michael Zahrnt am Beispiel der Schlacht von Marathon. Der heldenhafte Freiheitskampf war demnach eine misslungene Strafexpedition der Perser. Denen hatten die Athener sich 507 v. Chr. unterstellt. Kurze Zeit später rebellierten sie. Zum siegreichen Kampf wollten sie erst lieber nicht antreten – sie warteten auf Verstärkung aus Sparta.

Erst 100 Jahre später, im Peloponnesischen Krieg, schlachtete Athen den Sieg von Marathon propagandistisch aus und verklärte das Gefecht zum Kampf für die Freiheit Griechenlands. Der Wiederhall dieser Umdeutung des Geschehens reichte bis in die Gegenwart. Von einem „Marathonlauf“ war in der Antike keine Rede. Ironischerweise wurden die letzten Reste des Schlachtfeldumgebung für die Olympischen Spiele 2004 überbaut.

Noch drastischer ist die Vereinnahmung der Thermopylen-Schlacht, in der 480 v. Chr. Spartaner, Thespier und Thebaner ein überlegenes persisches Heer aufhielten und dabei untergingen. Schon Herodot zeigte sich so fasziniert vom Geschehen, dass seine Schilderung mythisch anmute, schreibt der Tübinger Althistoriker Mischa Meier. Die Aufopferung der Spartaner fügte sich im 18. und 19. Jahrhundert in den bürgerlichen Kult um den „Heldentod fürs Vaterland“, wurde pervertiert in Hermann Görings Stalingrad-Rede und gebrochen durch Heinrich Bölls „Wanderer, kommst du nach Spa...“

Der Band wirft Schlaglichter auf die griechische Antike und ihre Rezeption. Dabei bemühen die Herausgeber sich um eine große Bandbreite: Es geht um Knossos und Byzanz, Partheon-Fries und Pergamon-Altar, das Orakel von Delphi und die Olympischen Spiele. Das Werk ist nicht als Gesamtdarstellung angelegt, die Beiträge geben – bei aller Unterschiedlichkeit – aber das Bild einer Epoche ab, die nicht so einheitlich war, wie sie heute erscheint.

Das neuzeitliche Bild der griechischen Antike ist nicht zuletzt ein Werk von Johann Joachim Winkelmann (1717-68), der von Rom aus die Größe der klassischen Kultur predigte und so zum Urvater einer westeuropäischen Antikenbegeisterung wurde. Sein Sehnsuchts-Griechenland, den Ort, an dem Natur und Kultur sich auf einzigartige Weise verbinden, hat er nie gesehen. Er hatte Angst, das reale Hellas könne mit der Idee nicht mithalten.

Elke Stein-Hölkeskamp / Karl-Joachim Hölkeskamp (Hg.): Die griechische Welt. Verlag C. H. Beck, München. 683 S., 38 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare