Erika Kiffl fotografiert Beuys, Ai Weiwei und Co., zu sehen in Düsseldorf

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Künstler bei der Arbeit: Erika Kiffl fotografierte Gotthard Graubner 1977 (Silbergelatine auf Barytpapier) im alten Kunstpalast in Düsseldorf.

DÜSSELDORF - Als Performances, Außenarbeiten, Enviroments, Fluxus und Happenings den öffentlichen Raum eroberten, ging Erika Kiffl in die Ateliers und entdeckte die Räume, die noch unbekannt waren.

Die Fotografin, die in Krefeld und Düsseldorf Grafik und Gebrauchsgrafik von 1958 bis 1961 studierte, zählte zu einer neuen Generation Künstler. Im Düsseldorfer Kunstpalast, wo derzeit ihre Ausstellung „Erika Kiffl. Fotografie 1964 bis 2014“ präsentiert wird, erinnert sie an Joseph Beuys, der mit seiner Prämisse „Jeder Mensch ist ein Künstler“ das Verständnis von Kunst erweiterte und die gesellschaftliche Relevanz von Kunst propagierte. „Wir sind Katalysatoren“, sagt Erika Kiffl im Kunstpalast, „wir geben das nach außen ab.“

In der Aufbruchphase der 1960/70er Jahre sorgte auch Kiffl mit ihren Fotografien dafür, dass Kunst immer weniger mit kryptischer Genialität verbunden wurde, sondern sich vielmehr im Schaffensmoment bereits mit ihrem öffentlichen Anspruch behauptete. Dieses Selbstbewusstsein der Künstler jener Zeit vermittelt Erika Kiffl mit ganz ausgewogenen Zeitdokumenten. Sie war nicht nur die Chronistin, die ihre Kommilitonen aus der Akademiezeit in Düsseldorf besuchte. Erika Kiffls Kamera forcierte mit Licht und Perspektive das Gefühl beim Betrachter, dem Kunstprozess wie einem offenen Geheimnis beizuwohnen. In Düsseldorf sind gleich 100 Fotografien ausgestellt, die Kiffls Themen und Arbeitsweise präsentieren.

Hier beginnt eine Reise in die jüngste Kunstgeschichte. Gerhard Richter ist in einer Close-up-Serie zusehen, als er 1967 in seinem Atelier am Fürstenwall an „Diana“ arbeitete. Damals beschäftigte sich Richter in der Bildgruppe „Akte“ mit ersten medialen Bildvorlagen. Kiffl zeigt den Künstler noch vor seinem Werk, frontal, bei der Arbeit, am Bild oder nur mit Farbe und Pinsel. Auch die Serie von 1964, als sie den Bahnhof Rolandseck in Remagen fotografierte, zählt zur Findungsphase der Fotografin. Seinerzeit hatte das Land Rheinland-Pfalz keine Verwendung für das klassizistische Gebäude mit rheinischem Eisenkunstguss. Erst die Initiative „Kunstzentrum“ des Galeristen Johannes Wasmuth rettet die geschichtsträchtige Architektur vor dem Abriss. Heute steht nebenan das Arp-Museum, ein Neubau von Richard Meier. Auf Erika Kiffls Fotografien ist Wasmuth zu sehen, auch die Pianistin Martha Argerich, der Galerist Heiner Friedrich und natürlich das Gebäude. Künstler und Kunstorganisatoren mischen sich ein.

Erst mit der Entscheidung, Künstler in ihren Ateliers zu fotografieren, gelang Erika Kiffl ein neuer fotografischer wie existenzieller Ausblick. Sie war Layouterin der Zeitschrift „Elegante Welt“ (1961–1965) und arbeitete für die Werbeagentur Special-Team (bis 1969). Ab 1979 konnte sie als freie Fotografin tätig sein. Sie hatte mit ihren Bildern ein neues Sujet geschaffen: Gotthard Graubner schiebt die Malerrolle über ein monumentales Farbkissen. Im alten Kunstpalast schuf er 1977 seine documenta-Bilder. Und Erika Kiffl wurde klar, wie wichtig der Raum für einen Künstler ist, sich zu entwickeln. Die Stadt Düsseldorf hatte Graubner den alten Kunstpalast zeitweilig überlassen, so dass diese großen Formate für die Schau in Kassel entstehen konnten. Joseph Beuys ist im Atelier am Drakeplatz 1978 mit einem Telefon zwischen Arbeitspapieren und Bürokram zu sehen. Markus Lüpertz traf Erika Kiffl auf Schloss Scheibenhardt, wo der Künstler ihr 1978 den Rücken zudreht und Klavier spielt. Konrad Klapheck ist hinter einer Maske und auf einigen Atelierraumbildern gar nicht zu erkennen. Günther Uecker beugt sich über eine frühe Nagelarbeit. Erika Kiffl fokussierte sich nicht auf das Porträt, sondern entwickelte in ihren Serien eine Balance aus Kunstwerk, Raum, Arbeitsutensilien und dem Künstler selbst. Es entstehen in aller Offenheit private, skurrile, sachliche und erstaunliche Fotografien. „Die Entstehung eines Kunstwerks ist das wichtigste“, sagt Erika Kiffl, „Work in progress ist meine Arbeit.“ Und sie weiß, dass ihre Bilder nur ein Versuch sind, der Kunst näher zu kommen. Wie und wo Kunst wirklich entsteht, dass könne man natürlich nicht sehen, sagt die Fotografin. Sie zählt zur Generation analoger Fotografen, die im Labor nichts wegwedeln oder rauswaschen. Der Moment ihres Fotos ist wichtig, die augenblickliche Visualität.

Aus den Atelierfotografien wurde ein Buch 1979 im Mahnert-Lueg-Verlag publiziert. Die Serie kaufte das Goethe-Institut an und schickte Kiffls Fotografien rund um die Welt. Sie wurde bekannt.

Es folgen Aufnahmen von Fotosymposien auf Schloss Mickeln bei Düsseldorf (1980). Eine Reise nach Japan. Auch die Fotografien bei der Sommerakademie 1979 in Salzburg zählen zu Kiffls Repertoire. Sie trifft immer wieder Künstler im Raum mit ihren Absichten und mit ihrer Kunst. Kiffl, die als Kind zu den Vertriebenen aus der Tschechoslowakei zählte, hatte von 1946 bis 1951 in Österreich gelebt. Hierhin kam sie immer gern zurück.

In der Ausstellung ist Karl Prantls Atelier in Wien als ewiger Ort zu erleben – ein klassisches Gebäude im Prater –, wo Steine und Stämme auf ihre Vollendung warten. Den Provokateur Hermann Nitsch fängt sie fotografisch in einer Laube ein – ein sensibler stiller, beinah scheuer Mann „im Garten von Schloss Prinzenhof“.

Kiffl begleitet den Dialog mit polnischen Künstlern zur Zeit der Solidarnosc. Bei einer Auktion in Düsseldorf 1982 sind Johannes Stüttgen, Joseph Beuys und ein TV-Team zu sehen. Das Geld der Auktion ging an die Gewerkschaftsbewegung.

In der Kunstakademie, bei Ausstellungen, auf Kunstreisen – Erika Kiffls Fotografien dokumentieren, aber erspüren vor allem die Atmosphäre zwischen privater Gestimmtheit und öffentlicher Erscheinung, die der Kulturdialog von Künstlern forderte.

Das große Projekt „China heute“, das Kunst, Musik, Literatur und Theater umfassen sollte, begleitete Kiffl auf einer Atelierreise. 1995 traf sie Ai Weiwei, Jiang Jie, Zeng Fanzhi und Zhang Hai-Er. Sie begleitete den Kurator Hans van Dijk, der 180 Künstler nach München holen wollte. Das Regime in Peking verhinderte die Ausreise, weil „China heute“ auch Platz für Kritiker bieten wollte. China fürchtet die Demokratiebewegung von 1989.

Kunst hat einen neuen Stellenwert in der Gesellschaft eingenommen. Günther Uecker hat gerade den NRW-Staatspreis erhalten, Ai Weiwei ist in Deutschland, und Erika Kiffl zeigt ihr Lebenswerk in Düsseldorf.

Bis 18. Oktober; di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr; Tel. 0211/566 42 100; www.smpk.de

Katalog, Distanz-Verlag, Berlin, 34,90 Euro

Quelle: wa.de

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