Eric de Vroedt inszeniert sein Stück „Mightysociety – Die Restposten“

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Verunsichert durch „nette Leute“ auf Besuch: Friederike Tiefenbacher und Sebastian Kuschmann in „Mighysociety“.

Dortmund - Plötzlich stehen sie in der Tür. Rick und Steffie fallen durch ihre bunte Kleidung im Wohnzimmer des Firmenchefs Raimund und seiner Frau, der EU-Politikerin Henriette, auf. Sie gehören nicht zur Elite, aber sie wissen sich zu benehmen, sprechen höflich und bescheiden. Und doch stören sie die Pläne ihrer Gastgeber, die eigentlich zu einem Empfang wollen. Nach und nach stellt sich heraus, dass der Besuch nicht zufällig erfolgt.

Von Ralf Stiftel

Eric de Vroedt inszeniert im Studio des Dortmunder Schauspiels sein Stück „Mightysociety – Die Restposten“. Der niederländische Theatermann arbeitet in seinen Dramen gesellschaftliche Probleme auf. In seiner ersten Inszenierung an einer deutschen Bühne bringt er die Opfer der Globalisierung ins Gespräch mit den Verursachern ihrer Probleme. Raimund (Sebastian Kuschmann) baut gerade seine Firma Coolworks um. Deutsche Filialen, auch die in Dortmund, werden aufgelöst, die Arbeit ins Ausland verlagert. Rick (Frank Genser) war Buchhalter im Unternehmen. Nun bangt das Paar um seine Existenz, das Haus, die Förderschule für den legasthenischen Sohn. Wenn schon Rick seinen Job verliert, warum kann dann nicht Steffie (Caroline Hanke) arbeiten? Sie würde sogar auf die Philippinen ziehen.

Das Publikum sitzt dicht an dem Wohnzimmer, abgetrennt nur durch leichte Rollos (Bühne: Maze de Boer). Unangenehm nah spürt man die Eskalation der Gewalt. Am Anfang nutzen Rick und Steffie gesellschaftliche Konventionen aus. Henriette (Friederike Tiefenbacher), die Politikerin, möchte nur „kurz mit den netten Leuten reden“, sagt, Raimund solle nicht unhöflich sein. Bis es zu spät ist, Raimund gefesselt im Sessel sitzt und Rick den Golfschläger schwingt.

Eine unklare Rolle spielt dabei Bastian (Sebastian Graf), der Videoblogger, der seinem Stiefvater Raimund unangenehme Fragen nach windigen Geschäften mit Umwelttechnik in China und Zuschüssen der EU stellt. Hat er vielleicht Rick und Steffie eingeladen? Jedenfalls greift er nicht ein.

De Vroedt bietet in seinem Stück eine Versuchsanordnung. Realistisch ist die Konfrontation des Unternehmers und seiner Opfer nicht. Die Künstlichkeit dieser Laborsituation betont der Auftritt des Dortmunder Sprechchors mit „Freude schöner Götterfunken“. Das Glücksversprechen der Schiller-Hymne wird, melancholisch umgefärbt, zum Abgesang auf das Recht des Einzelnen im Kapitalismus.

Nicht alle Wendungen des Stückes überzeugen, besonders am Schluss. Aber Regie und Darsteller überzeugen mit stimmigen Rollenzeichnungen sowie präziser Situationskomik, die dafür sorgt, dass der Abend nicht zu thesenhaft ausfällt. Kuschmann gibt den unter der jovial-verbindlichen Oberfläche skrupellosen Machtmenschen, der seine Gegenüber mit rhetorischen Finessen einschüchtert. Genser zeigt den Wandel vom pingeligen Buchhalter zum Individualterroristen. Tiefenbacher deutet fein die mentalen Verwerfungen der angepassten Karrierepolitikerin aus. Ein durchaus erhellender Kommentar zu Lage.

18., 27.4., 12., 24.5., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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