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„Epoche Zero“ aus der Sammlung Lenz Schönberg wird im Kunstmuseum Ahlen ausgestellt

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Von: Achim Lettmann

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Yves Kleins Farbtisch „Pigment pur bleu“, Idee 1957, Ausführung 1970 (Losis IKB-Pigment, Plexiglas, Stahl).
Yves Kleins Farbtisch „Pigment pur bleu“, Idee 1957, Ausführung 1970 (Losis IKB-Pigment, Plexiglas, Stahl). Zu sehen im Kunstmuseum Ahlen. © Baschang und Hermann, München, VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Heute sind die Werke von Piene, Mack und Uecker arrivierte Kunst. Eine Schau im Kunstmuseum Ahlen erinnert an andere Zeiten mit Beispielen aus der Sammlung Lenz Schönberg.

Ahlen – Zwei Farbraumkörper von Gotthard Graubner haben im Foyer des Kunstmuseum Ahlen eine ganz vereinnahmende Präsenz. Aus „Hommage à Monet“ (1985) strahlen Grün, Braun, Violett und Rosa, wie aus den Seerosenbildern des französischen Klassikers der Moderne, Claude Monet. Daneben sorgt die ebenso große wie abstrakte Arbeit „,Die Farbe ist rund’ an Delaunay“ (1984/85) für warme rote und gelbe Farbtöne. Ein tolles Doppel. Auch wenn Graubners spätere Werke nicht gleich mit der Künstlerbewegung Zero in Verbindung gebracht werden, stellte er doch 1958 mit Heinz Mack und Otto Piene in Düsseldorf aus. Graubner (1930–2013) studierte an der Kunstakademie (1954–1959) und zählte zu den ersten der Zero-Bewegung. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Ahlen erinnert mit 70 Werken an die „Epoche Zero“ und hat „die Sammlung Lenz Schönberg zu Gast“. Eröffnet wird am Samstag um 16 Uhr.

Die Sammlung umfasst rund 500 Werke, die Gerhard und Anna Lenz seit 1966 erworben haben. Der Sammlungsname steht für einen familiären Umgang mit den Bildern. Schönberg ist ein Ort im Taunus, wo alles begann. Die Söhne des Ehepaars wuchsen mit der Kunst auf. Anna gehörte zur Industriellenfamilie Henkel aus Düsseldorf. Gerhard (1929–2018) hatte das Gespür für Kunst. „Er war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus“, sagte sein Sohn George in Ahlen. Die Lenzens bauten eine der größten Privatsammlungen für die europäische Nachkriegskunst auf. Martina Padberg, Leiterin des Kunstmuseums, stellte den Kontakt über einen Cousin von Gerhard Lenz her, der in Ahlen wohnt. Ein schöner Zufall.

Mittlerweile lebt Anna Lenz in Söll, wo Kunst in Atelierhängung das eigene Heim dominiert. Außerdem werden die Arbeiten der 49 Künstler im Magazin verwahrt. Restauratoren kümmern sich. Mack, Piene und Co. haben nicht ans Museum gedacht, als sie Momente aus Licht, Feuer, Farbe und Materialien schufen, die wenig mit bildender Kunst zu tun hatten. Die Nägel von Günther Uecker stehen dafür. In Ahlen hängt sein Werk „Interferenzen“ (1980). Farbe ist auf dem Untergrund geschüttet. Darüber bilden die Nägel Bewegungen ab. Mit Licht entwickelt die Oberfläche eine sinnliche Energie und eigene Dynamik. „Jeder Nagel ist eine plastische Linie im Raum“, sagte Uecker.

Es lohnt sich, die Werke der 27 Künstlerinnen und Künstler zu betrachten. Von Gotthard Graubner sind mit „Weißes Zeichen“ (1956) und „Schwarze Scheibe“ (1955) sogar frühe Abstraktionen zu sehen. Er suchte eine neue Verbindung zwischen Farbe und Form.

Die Sammlung Lenz Schönberg überrascht mit ungewöhnlichen Exponaten namhafter Künstler wie Yves Klein. Sein „Pigment pur blue“ ist ein blauer Tisch (1957/70). Das Ultramarin wird als substanzielle Masse spürbar. „Die Farben sind die wahren Bewohner des Raums“, sagte Yves Klein. Zitate in der Schau vermitteln, wie absichtsvoll die Zero-Künstler neue Wertigkeiten erkundeten. Kunst sollte ohne Erzählungen auskommen, Kunst sollte kein Teil der Wirklichkeit sein, die noch schwer an den Zerstörungen des Weltkriegs zu tragen hatte. Impuls und Anfang waren gefragt. „Zero ist Zero“ sagten Mack und Piene 1963, also war ihre Kunst etwas Neues.

Wie wirkmächtig das sein kann, demonstriert Otto Piene in „Gelbgelbweißheißschnell“ (1958), einem monochromen Bild, das in der Mitte eine weiße Stelle freilässt, wie ein Hitzepunkt oder die Unendlichkeit. Von Jef Verheyen bietet die Leinwand „Ora d’Iris“ (1960) einen Lichtflimmer in Schwarzbraun, der eine fühlbare Dichte erzeugt. Sein Werk „Zonnebogen 1/4“ (1965) war das erste Bild der Sammlung Lenz Schönberg.

Oskar Holzweds überbordendes „21 II 80 Buchprojekt“ bietet 500 Blatt Papier geordnet und eingerissen von 1980. Jan Jacobus Schoonhovens Reliefe spielen mit Lichtschatten. „Weißes Strukturbild“ (1958) von Hermann Goepfert lässt in einer grauweißen Fläche kantige Linien aufsteigen, wie Auffaltungen der Erdgeschichte.

Als Gerhard und Anna Lenz 2010 bei Sotheby’s in London 49 Exponate verkauften, wurde der Marktwert der Zero-Kunst taxiert. „Wir wollten uns verkleinern“, sagte Anna Lenz in Ahlen. Mit über 23 Millionen Euro war der Erlös aber ein Zeichen an den Kunstmarkt. Fortan war Zero in Galerien und Museen angesagt. Auch das Guggenheim in New York stellte Zero-Kunst 2014 aus. Es ist eine wunderbare Kunstgeschichte – Ahlen erinnert daran.

Eröffnung, Samstag, 16 Uhr; bis 12.2. 2023; mi – sa 15 – 18 Uhr, so und Feiertage 11 – 17 Uhr; Tel. 02382/91 830; Katalog 20 Euro; www. kunstmuseum-ahlen.de

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