Open Air im Westfalenpark vor knapp 1000 Zuschauern

Entertainer und Liedermacher Olli Schulz begeistert in Dortmund

Liedermacher und Entertainer Olli Schulz im Dortmunder Westfalenpark.
+
Liedermacher und Entertainer Olli Schulz im Dortmunder Westfalenpark.

„Das hat hier ein bisschen was vom Fernsehgarten“, sagt Olli Schulz am Freitagabend während des Konzertes mit seiner Band im Dortmunder Westfalenpark. Zuschauer auf Stühlen, immer in Zweierblocks und wie ein Schachbrettmuster angeordnet, ist halt nicht das, was ein Indie-Liedermacher ansonsten gewohnt ist. Aber der 47-jährige gebürtige Hamburger ist höchst dankbar, dass er einer der ersten und privilegierten Poprocker ist, die nach dem langen Lockdown wieder auftreten dürfen. Und es wird später sogar noch auf Abstand getanzt.

Dortmund - „Es ist ein erster Schritt. Ihr werdet hinterher bestimmt nicht sagen, dass das der geilste Abend eures Lebens war. Aber lasst uns gemeinsam eine gute Zeit haben“, wünscht sich Schulz unprätentiös, so wie der ganze Abend wird von den knapp 1000 Zuschauern in dem ausverkauften, weitläufigen Freigelände unterhalb des Dortmunder Fernsehturms.

Dort, wo beim Juicy Beats Festival (in diesem Jahr zum zweiten Mal abgesagt) die zweite Hauptbühne ihren Platz hat, werden stattdessen die Juicy Beats Park Sessions über den gesamten Sommer stattfinden so wie mit Olli Schulz und später mit den Hammern Shootingstars Giant Rooks, Drangsal oder auch Bosse. So wird eine Kompaktveranstaltung wie ein Festival maximal gedehnt. All die komplizierten Einlassregeln mit den Nachweisen geimpft, genesen oder getestet, personalisierte Tickets und Plätze laufen noch nicht so reibungslos, sodass der Auftritt von Olli Schulz und seiner vierköpfigen Begleitband 15 Minuten später anfängt.

Maskentänzer und ein Lauf durch das Publikum

Es bewegt sich also langsam etwas - und Olli Schulz strahlt große Spielfreude aus bei seiner Bühnenrückkehr nach den Lockdowns – und einige Pannen, die sympathisch wirken. Was einen Auftritt von Deutschlands erfolgreichsten Podcaster und Filmdokumentarist („Fest und flauschig“ mit ZDF-Comedian Jan Böhmermann) so besonders macht, ist, dass er nicht einfach nur ein Musik-Konzert gibt. Die Auftritte des manchmal etwas ungelenk wirkenden Entertainers sind ein Mix aus Musik, satirischen und witzigen Stand-Up-Geschichten und Improvisationsshow. So geht ein Liedende etwa ansatzlos in eine anekdotenreiche Geschichte über.

Wendler und Hildmann spontan in einen Song eingebaut

Mit „Wenn die Musik nicht so laut wär“ beginnt Schulz seinen 105-minütigen Auftritt. Zu „Wachsen“ fordert er seine Fans auf, mit den Masken zu wedeln - ein seltsames und noch fremdes Bild von Bewegung. Dabei schafft es der Berliner aber nicht nur, das Publikum zum Lachen zu bringen. Lustige und absurde Anekdoten wechseln sich mit rührenden, traurigen Texten ab wie etwa im melancholischen „Skatspielen mit den Jungs“. In „HDFKK“ („Halt die Fresse Krieg ein Kind“) dichtet er den Text spontan auf die Verschwörungsanhänger Michael Wendler und Attila Hildmann um.

Fans, die mit Masken wedeln - ein seltsames und noch fremdes Bild von Bewegung.

Zu „Phase“ klettert Schulz mit den Worten „Ach Scheiß drauf“ von der Bühne und läuft einmal singend an einigen Maskentänzern durch den Mittelgang bis zur letzten Stuhlreihe – nach der Rückkehr auf der Bühne muss er feststellen, dass in Corona-Zeiten seine Fitness gelitten hat, so außer Puste ist er. Das Lied zur Pandemie („Du bist solange einsam, bist du lernst, alleine zu sein“) hat er schon vorher geschrieben.

Classic Rock, Szene-Hits, neue Lieder - und viele Geschichten

Schulz ist ein Gefühlsakrobat, dessen Lieder und Zeilen oft einer praktischen Lebenshilfe ähnelt – glaubwürdig vorgetragen aus der Sicht eines Grüblers, immer wieder Gescheiterten und sich an Menschen abarbeitenden. Das hymnisch-nostalgische „Als Musik noch richtig groß war“ leitet er mit der Bitte ein, dass die aktuelle Sexismus-Debatte unbedingt weitergeführt werden muss, schon alleine, damit seine in dem Lied mit Vaterliebe überhäufte elfjährige Tochter und andere Mädchen später dem nicht mehr ausgesetzt sind. Schulz steht für ein unbedingt humanistisches Weltbild und ist auch ausdrücklich ein Botschafter der Liebe.

Olli Schulz und Band.

Er spielt seine lustigen Classic-Rock-Hits („I need a hero“, Maniac“) an, seine Szenehits wie „Wenn es gut ist“, „Phospormann“ oder „Boogieman“ und neue Lieder wie „Ich dachte Du bist es“ und „Das hier war dein Song“ – alles variabel und spontan. Den Einstieg zu „Spielerfrau“ als Zugabe verhaut er zweimal – er ist halt lange nicht mehr aufgetreten. Schlimmer hat es seinen Gitarristen erwischt: Der hat sich zwei Tage vor diesem ersten Auftritt die Hand gebrochen, weil er als Mittvierzigjähriger unbedingt noch Skateboard-Fahren lernen musste – und bei seinem Chef auf wenig Verständnis für das Verhalten einer vorgezogenen Mitlife Crisis erntet. So endet ein warmherziger Abend im Unperfekten – und gerade das macht in so speziell.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare