Endlich mit Industriekultur: Dehio Westfalen erschienen

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Reif für das Denkmals-Handbuch: Zeche Zollern in Dortmund ▪

Von Ralf Stiftel ▪ GELSENKIRCHEN–Biblisches Maß hat dieses Buch: Mehr als 1340 Seiten stark, prall gefüllt mit Fakten. Der „Dehio“ wird das Werk kurz genannt, ausführlich „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler“. Und nach mehr als 40 Jahren gibt es nun die aktuelle Ausgabe zu Westfalen. Gestern wurde der Band im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen vorgestellt. Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) brachte es auf den Punkt: Es sei die „westfälische Denkmal-Bibel“.

Das Handbuch heißt nach seinem ersten Autor, dem Kunsthistoriker Georg Dehio, der die Reihe 1900 begonnen hatte. 1912 war der Band Nordwestdeutschland erschienen, 1969 kam eine Neufassung für Westfalen heraus, damals mit 619 Seiten. Das Buch ist ein Klassiker, obwohl es alles andere als leichte Lektüre bietet. Nüchtern listet es auf, was kunsthistorisch beachtlich ist in einer Region, lexikalisch nach Orten sortiert, von Ahaus bis Witten. Mit Sternchen sind herausragende Orte markiert, auch das 1957 bis 1959 von Werner Ruhnau errichtete Musiktheater im Revier.

Damit ist schon der wichtigste Unterschied der Neuauflage benannt. Anfangs konzentrierten sich die Autoren auf Kirchen und Schlösser, auf bedeutende Sakral- und Herrschaftsbauten. Der Dehio 1969 endete irgendwann im 19. Jahrhundert. Das Autorenteam um Ursula Quednau aber nahm all das auf, was heute als besonders herausragend empfunden wird in der Region, die Industriekultur zum Beispiel. So findet man im neuen Band die Dortmunder Jugendstil-Zeche Zollern und das ehemalige Gär- und Lagerhochhaus der Union-Brauerei (wobei leider weder der gängige Name „U“ noch die „fliegenden Bilder“ von Adolf Winkelmann erwähnt sind). Die Jahrhunderthalle in Bochum ist drin, die Geschwister-Scholl-Gesamtschule, die Hans Scharoun 1956 bis 1962 in Lünen errichtete, die Justizvollzugsanstalt in Werl („Viergeschossiger, vierflügeliger Kreuzbau in panoptischer Anordnung von 1905-08“), und in Hagen nicht nur das grandiose Ensemble des Hohenhof, das sich Karl Ernst Osthaus 1906 bis 1908 von van de Velde errichten ließ, sondern auch das Eduard-Müller-Krematorium von Peter Behrens aus der gleichen Zeit, ein weiterer Musterbau der frühen Moderne.

An den Beispielen sieht man vielleicht, dass der Dehio kein normaler Reiseführer ist. Viele der rund 5000 beschriebenen Denkmäler sind nicht öffentlich zugänglich. Es ist ein Bestandsverzeichnis, das aber nicht alles auflistet, sondern eine Auswahl nach Qualität trifft. Fachleute kommen um den Dehio nicht herum, und auch Reiseführer arbeiten mit seinen Fachinformationen. Wer allerdings statt blumiger Umschreibungen Fakten zu schätzen weiß, die alle Autoren an Ort und Stelle recherchierten, der hat auch als Laie Gewinn, wenn er mit dem Dehio reist.

Vor allem hilft der Dehio beim Bewahren des Denkmalbestandes. „Nur was erkannt und damit auch bekannt ist, kann wirkungsvoll geschützt und erhalten werden“, unterstreicht LWL-Denkmalpfleger Markus Harzenetter. Darum engagierte sich der Landschaftsverband bei dem Projekt, das eine Million Euro kostete. 13 Wissenschaftler arbeiteten über sechs Jahre hinweg daran.

„Westfalen zu bereisen lohnt“, schreibt Ursula Quednau in ihrem Vorwort, und sie weist auf „ein reiches bauliches und künstlerisches Erbe“ hin. Da gibt es natürlich Höhepunkte wie Dortmund mit seiner Mischung aus alten Kirchen und Industriekultur, die alte Hansestadt Soest und natürlich Münster. Allein der Abschnitt zum dortigen Dom ist so umfangreich wie der komplette Kommentar zu Bielefeld. Aber auch abseits der Städte findet man ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten, und der Dehio vermittelt uns ihren Wert: Die Stiftskirche in Cappenberg mit all ihren Kostbarkeiten zum Beispiel, die Drüggelter Kapelle in Möhnesee, das zwischen 1512 und 1514 errichtete Rathaus in Werne.

Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Westfalen. Deutscher Kunstverlag, Berlin/München. 1340 S., 58 Euro

http://www.dehio.org

Quelle: wa.de

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