Emscher Genossenschaft zeigt ihr Fotoprojekt „Bridges“ in Bochum

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Winfried Labus fotografierte „Freilandarchitektur auf dem Grabeland“ (2007).

Von Achim Lettmann BOCHUM - Gute Laune machen die Fotografien von Brigitte Kraemer. Ihre Serie „Inselbewohner“ hält Freizeitmomente auf der Emscherinsel fest. Dort, wo Rhein-Herne-Kanal und Emscher eine Landschaft von 34 Kilometer Länge mitten im Ruhrgebiet abgrenzen. 7000 Menschen leben hier. Kraemer fotografiert beispielsweise den Sprung in den Kanal, den Ruheplatz an der Wasserstraße und die private Grillstation.

Das sind beliebte Motive, die Geselligkeit, Lebensfreude und Gemeinsinn zwischen den Menschen verschiedener Herkunft zeigen. Der Alltag wird mit seinen wertvollen Momenten festgehalten, unprätentiös wirkt das, ungezwungen, mit einem Gefühl für Komposition.

Diese Fotografien werden ab Sonntag im Museum Bochum zu sehen sein, wo die Ausstellung „Concrete Poetry: Zwischen Beton und Poesie“ insgesamt 68 Fotoserien, mit rund 300 Bildern von 54 Künstlern präsentiert. Erstmals wird ein Fotoprojekt im Museum vorgestellt, das seit 2005 von der Emscher Genossenschaft getragen wird. Fanden bisher jährliche Präsentationen statt, kann der künstlerische Leiter Mario Lombardo (Berlin) das Spektrum dieses Fotoprojekts nun ausbreiten. Ziel ist es mit Fotografien, die Lebenswelt an der Emscher zu dokumentieren. Wie verändert sich die Landschaft, was machen die Menschen im Wohnumfeld, was ist charakteristisch für dieses Stück Ruhrgebiet? Im Großen wie im Kleinen.

Initiator ist die Emscher Genossenschaft, die die Abwasserwirtschaft im Revier organisiert. Wo früher die „Köttelbecken“ zum Himmel stanken, wird heute durch die Renaturierung des ehemaligen Abwasserflusses ein Wohnraum aufgewertet. Dieser Aspekt ist Jochen Stemplewski, Vorsitzender der Emscher Genossenschaft, wichtig. „Neues Emschertal“ heißt das Ziel der Genossenschaft. Bis 2017 soll der Abwassertransport unter die Erde verlegt sein, 2027 soll das Emschertal renaturiert sein. Seit den 90er Jahren werden Abwasserkanäle tiefer gelegt, und die Emscher geklärt. 4,4 Milliarden Euro sind veranschlagt. Ein unvergleichliches Vorhaben.

Seit 1899 dokumentiert die Emscher Genossenschaft ihre Bauarbeiten. Im Archiv liegen 200 000 Fotografien, 40 000 Glasplatten zählen noch dazu. Nach der Baudokumentation bietet das „Bridges Fotoprojekt Emscher Zukunft“ der Genossenschaft einen fotografischen Gradmesser im sozialen, landschaftlichen und naturnahen Umfeld. Hans Günther Golinski, Museumsdirektor in Bochum, schätzt die Projektinitiative als „Auftragsarbeit im besten Sinne“. Für ihn werden fotografische Blicke ermöglicht, die, im Gegensatz zu den Themen unserer Medienwelt, andere Eindrücke und Akzente setzen. In der Ausstellung sei jeder Besucher „frei, selber zu gucken“. Man wird nicht an die Hand genommen. Nur soweit, dass im Erdgeschoss mehr dokumentarische Serien hängen, während in der ersten Etage der fotografische Blick sowie mehr interpretatorische Ansätze zu finden sind. Zum Beispiel die Serie „Azis“ (2012), die Stricher und Callboys in ihren Dortmunder Unterkünften porträtieren. Männer, die meist aus Bulgarien und der Türkei kommen, und ihren Prostituierten-Lohn nach Hause schicken. Rosa Maria Rühling (Hamburg) war mit Streetworkern der Aids-Hilfe unterwegs. Daneben sind Aufnahmen von Gerald von Foris (München) zu sehen: „Arbeitsplätze der Emschergenossenschaft“ (2013). Sie wirken hermetisch und kühl, weil Schaltanlagen für Pump- und Klärwerke, Belebungsbecken und Energieverbindungstrassen wenig Euphorie zulassen.

Insgesamt überwiegt ein nüchterner Blick bei den Fotografen der Projektarbeit. Annette Jonak zeigt die Serie „Der Stand der Dinge. Bruckhausen #2“ oder was vom Viertel in Duisburg, vom Stolz auf Kohle und Stahl noch geblieben ist: Tristesse und Stille. Die Fotografin aus Wuppertal zählt zu den fünf Preisträgern in diesem Jahr. Ihr Thema war „Past/Perfect – Raum und Traum“. Oscar Ledesma (Essen), Hendrik Lietmann (Essen), Sebastian Forkarth (Dortmund) und Albert Palowski (Dortmund) werden am Sonntag auch prämiert.

Der aktuelle Wettbewerb bietet das Thema „Chaos/Control – Besetzt den Raum“. Eine siebenköpfige Jury wird alle Serien (Einsendeschluss 13. 9.) begutachten, ohne die Namen der Fotografen zu kennen. „Es geht um gute Arbeiten“, sagt Mario Lombardo. Allerdings hat der Projektleiter bereits im letzten Jahr den Modus korrigiert. Zwei Fotografinnen der Fachhochschule Dortmund waren angesprochen worden, mitzumachen, und ein Fotograf aus München. Für Lombardo ist es wichtig, dass auch Themen bedient werden, die die Nähe zur Emschergenossenschaft zeigen. Mittlerweile wurden Serien von Fotografen aus Luxemburg und Frankreich eingereicht. Der Wettbewerb gewinnt an Renommee.

Unverwechselbar ist er schon jetzt, denn Dominik Asbach zeigt die Künstlichkeit der Kanäle in der Serie „System Landschaft“ (2006), während Winfried Labus das Improvisierte der „Freilandarchitektur auf dem Grabeland“ (2007) fotografiert. Es sind Gewächshäuser aus Glastüren- und -fenster, Bretterbuden, Wellblechlauben. Typisch sind auch die Architekturbilder von Christian Becker und Christine Steiner. Die Reihe „Weiterbauen“ (2009) demonstriert, wie an der Emscher Stilkonglomerate mit Schiefer, Stein und Teerpappe wirken. Da darf man sich mal wundern.

Die Schau

Ein Fülle an interessanten und ambitionierten Fotografien, über eine Landschaft und einen Wohnraum im Wandel.

Concrete Poetry. Die Sammlung des Fotoprojekts Emscher Zukunft im Museum Bochum.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr. di, do, fr, sa, so 10 – 17 Uhr, mi 10 – 20 Uhr; bis 27. Oktober. Das Katalogheft wird kostenlos ausgegeben.

Museumsfest und Prämierung der Fotografen des Projekts 2013. Tel. 0234/910 4230

www.kunstmuseumbochum.de

Quelle: wa.de

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