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Hanns Friedrichs und seine Mode stellt das Emil-Schumacher-Museum in Hagen aus

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Von: Achim Lettmann

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Hanns Friedrichs mit Modeskizzen um 1953.
Hanns Friedrichs mit Modeskizzen um 1953. © Nachlass Friedrichs

Unter deutschen Modeschöpfern wird er nicht geführt: Hanns Friedrichs. Dabei war der Unternehmer der größte Couturier Deutschlands in der Nachkriegszeit. Ein Schau in Hagen würdigt ihn.

Hagen – Das kurze Kleid mit den Sonnenblumen ist ein Traum. Die gelben Blüten sind auf den flirrend leichten Organza-Stoff aufgenäht. Am Hals geschlossen bietet das Modell von Modeschöpfer Hanns Friedrichs einen Unterrock mit Rüschen. Paris, Mailand, London? Nein, das Couture-Kleid kommt aus Hagen und ist 1995 für Katharina Löring gefertig worden. Die Frau von „Jean“ Löring, einst Präsident des Fußballclubs Fortuna Köln, war ein Hingucker mit diesem Traum.

„Ich mache keine Mode, ich ziehe Frauen an“, sagte Hanns Friedrichs (1928–2012), der in Hagen 1949 ein Atelier für exklusive Damenmode gründete. Er sollte zum größten Couturier Deutschlands werden. Seine extravaganten Modelle wurden in Hagen gefertigt, wo zeitweise 60 Schneiderinnen beschäftigt waren. Bis auf ein Intermezzo mit einer Berliner Firma gab es keinen Zwischenhandel. „Nein“, sagte Helga Klein, Friedrichs persönliche Assistentin und Nachlassverwalterin, „er brauchte den direkten Kontakt zu den Kundinnen.“

Das Emil-Schumacher-Museum in Hagen erinnert an einen Modeschöpfer, der in Vergessenheit geraten ist. So sieht es die Hagener Kunsthistorikerin und Kuratorin Petra Holtmann. Sie sammelt Mode und ist immer wieder auf HF-Modelle gestoßen. Nun werden 100 Einzelstücke im Museum wie in einem Schaufenster gefeiert. Vor allem Abendgarderobe ist zu sehen. Aber auch Kostüme, Cocktail- und Brautkleider aus Privatbesitz. Museumsdirektor Rouven Lotz wählte aus 400 Kleidern, nachdem es einen Aufruf in einer Hagener Zeitung gegeben hatte. Zudem zeigt er Schnittmuster, Fotos, Accessoires, Stoffe und Lehrverträge. Eröffnet wird am Sonntag, 11 Uhr.

In Dresden geboren zog Hanns Friedrichs mit Familie 1948 nach Hagen. Hier wohnte die Schwester seines Vaters Richard, der im gleichen Jahr aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam. Sein Sohn hatte eine Schneiderlehre in Kassel absolviert und eröffnete 1949 ein Modeatelier. Der Erfolg kam schnell. Bereits 1950 folgte ein Atelier in Düsseldorf. Jeden Donnerstag stellte Friedrichs bei Elfe Kürschner seine Mode aus dem Kleiderkoffer vor. Kürschner war Friedrichs‘ erste Kundin am Rhein. Sie führte ihn in die betuchte Gesellschaft ein. 1950 wurde der „Paradiesvogel“ aus Düsseldorf zur Ausstellung „Die Frau“ nach München eingeladen. In Deutschland entwickelte sich Diors „New Look“ zum Inbegriff eleganter Frauenmode. Friedrichs orientierte sich mehr an Haute Couture von Jacques Fath. Der Franzose liebte große Auftritte, Modeschauen mit Themen. Er reagiert mit seinen Entwürfen auf Aktuelles und schätzte historische Bezüge.

Friedrichs selbst favorisierte fließende Stoffe, die die Taille nur betonten. Ihm war vor allem wichtig, die Eigenschaft des Stoffes mit der Linienführung abzustimmen. In Hagen ist ein Wollkostüme mit Hermelin innenseitig und Knöpfen im Rücken zu sehen – 50er Jahre. Das Detail, Jacken und Mäntel im Rückteil zu knöpfen, sollte nicht nur überraschen, sondern den Mann galant erscheinen lassen, wenn er der Dame aus der Garderobe half. Ein bedrucktes Etuikleid in Blau und Grün, belegt, wir tragbar Friedrichs Mode war. Er dachte auch an Geschäftsfrauen. Monika Benscheidt, Direktrice ab 1970, sagte, dass Kostüme, Hosenanzüge und Mäntel das Alltagsgeschäft von HF waren. Seit den 60er Jahren gab es die Initialen, die in Stoffen, auf Knöpfen und Gürteln auftauchten. Ein Firmenlogo oder Branding machte Friedrichs nicht daraus. Seine rund 60 Stammkundinnen erwarteten Diskretion. Seine Garderobe trug keine Signé-Schildchen.

Die hervorragenden Stoffe der HF-Kleider kamen von Fabric Frontline (Zürich). Für ein Seidenkleid skizzierte Künstlerin Oda Walendy Paris-Impressionen auf den Stoff (1992). Auf Seidenjacquard wurde ein historischer Stich von Düsseldorf aufgedruckt – 1996.

Das mittelständige Unternehmen HF brachte jedes Jahr zwei Kollektionen mit 110 Modellen heraus. Nach zwei Anproben in Düsseldorf oder Hagen war das Einzelstück fertig. „Mehr als 10 000 Euro hat ein Modelkleid nicht gekostet“, sagte Helga Klein, die 35 Jahre im Betrieb war, im Schnitt seien es um die 5000 Euro gewesen. Mit 500 000 Euro musste Friedrichs eine Collection vorfinanzieren. Jährlich wurden weit über 1000 Einzelteile hergestellt. Einige Stoffe ließ HF auch im Hagener Umland bedrucken, wo es Firmen gab, die bereits für den Architekten Peter Behrens und den Künstler Jan Thorn Prikker gearbeitet hatten.

Weshalb aber fehlt Hanns Friedrichs in Abhandlungen neben deutschen Modemachern wie Heinz Oestergaard, Uli Richter, Heinz Schulze-Varell und Elise Topell? Kunsthistorikerin Holtmann sagte, dass Friedrichs in der Branche weniger anerkannt war. Er begleitete die Models bei der Schau, er guckte beim Persil-Event aus einer Waschmaschine, und er ließ sich im Bett über den Laufsteg schieben. Zu verspielt? Gern wäre HF Schauspieler geworden. In der Nachkriegszeit folgte er einem anderen Talent.

Hanns Friedrichs verehrte Marlene Dietrich in perfekten Filmkostümen. 2008 sagte er, dass ihn Jean Paul Gaultier beeindrucke. Auch die Mode von Thierry Mugler (1948–2022) schätzte er. Selbstbewusst und sinnlich musste HF-Mode sein. Für Helga Klein war er ein Künstler, Ästhet und Selbstdarsteller, der den Karneval liebte. Und seine Schneiderinnen, denn ohne sie hätte es keine Mode gegeben. Das sagte Hanns Friedrichs selbst.

Eröffnung, Sonntag, 11 Uhr; di – so 12 – 18 Uhr,

Tel. 02331/207 31 38; Katalog im ardenkuverlag, Hagen 30 Euro; www.esmh.de

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