Das Emil-Schumacher-Museum erkundet den „Reiz des Materials“

Einen Raben platzierte Emil Schumacher zwischen Farbbatzen und Klarlack in seinem Gemälde „Gula“ (1987), das in Hagen zu sehen ist. Foto: Emil Schumacher Museum

Hagen – An dem Gemälde „Gula“ kann man leicht zeigen, was die Kunst Emil Schumachers so vielschichtig macht. Der Maler benutzte eine 170 cm hohe Holztafel, die er nicht grundierte. Also sog das Holz die rote Farbe auf, schuf einen eher stumpfen, ungleichmäßigen Ton. Einen Teil der Fläche überstrich Schumacher mit einem Lack, dort glänzt das Bild. Dann verteilte er einige dicke, breiige Farbbatzen. Einer ragt in die weiße Ecke. Der erinnerte den Künstler wohl an ein vertrautes, liebes Motiv, einen Rabenvogel. Er zog nach unten zwei Ecken aus dem Schwarz. So kommt die Andeutung eines figürlichen Motivs in das Bild.

Es ist im Emil-Schumacher-Museum Hagen zu sehen. In der Ausstellung „Der Reiz des Materials“ erkundet es ein grundlegendes Prinzip im Schaffen des Künstlers. „Gula“ (1987) bildet nicht einen Gegenstand ab, auch wenn Schumacher einen Raben unterbrachte. Das Werk ist als Objekt zu betrachten, so wie man sonst Skulpturen anschaut. Es ist gleichsam ein Akkord aus dem deckenden Weiß in der Ecke, dem stumpfen und dem durch den Lack glänzenden Rot, den verstreuten amorphen und wie Reliefs aus der Fläche ragenden Batzen. Schumacher hat die letzteren zusätzlich mit Farbpigment bestäubt. Dieser bewusste Einsatz der Stoffe gibt der Malerei neue Ausdrucksmöglichkeiten.

Das Museum dokumentiert, verteilt über alle Ausstellungsräume, wie vielseitig und empfindsam Schumacher (1912–1999) auf Material reagierte, wie sehr er die Stoffe als Ausdrucksträger einsetzte. Nach dem Krieg hatte er sich von einem Post-Expressionismus hin zur Abstraktion entwickelt. In den 1950er Jahren erlebte er seinen internationalen Durchbruch. Seine Arbeiten wurden 1954 in einer Gruppenausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam gezeigt, 1955 in Paris, 1958 nahm er an der Biennale in Venedig teil und erhielt den Guggenheim Award in New York.

Rouven Lotz, wissenschaftlicher Leiter des Museums, nutzt die Neuhängung der Sammlung, um diese Werkphase ausführlicher nachzuvollziehen. Viele Gemälde aus den 1950er und 1960er Jahren, die lange nicht zu sehen waren, verdeutlichen nun, wie der Künstler seinen Stil entwickelte und verfeinerte. Dazu kommen auch Leihgaben aus dem benachbarten Osthaus Museum wie „Sodom“ (1957) mit seinem amorphen Gebilde aus glühendem Rot auf einem schmutzig-grau-beigen Untergrund. Es ist ein Hauptwerk in Schumachers Schaffen, und auch hier malt er nicht klassisch, sondern trägt die Farbe in verschiedenen Aggregatzuständen auf. Und in die rote Paste kratzt er mit dem Pinselstiel Linien, so dass tieferliegende Schwarz- und Weißtöne sichtbar werden. Aber auch Werke wie „Eruption“(1956) und „Acheron“ (1958) mit seinem gelbweißen, mysteriös schimmernden Kern auf schwarzem Grund sind nun wieder zu sehen.

Dieser Akzent in der Sammlungspräsentation gibt der Ausstellung den nötigen Kontext. Um 1957 experimentierte Schumacher mit Fundsachen, Abfall, armen Stoffen. Aus einer Weichfaserplatte, viel weißer Farbe und krummen alten Nägeln machte er das „Tastobjekt 33/1957“. Das Objekt sieht aus wie ein ausgestochenes Stück Boden, etwas mit der Zeit Sedimentiertes, zufällig. Und doch hat es Struktur, entwickelt es mit seinem Kontrast zwischen hart und weich, spitz und unregelmäßig einen eigenwilligen Reiz, auch wenn man es inzwischen nicht mehr betasten darf.

Die Nägel blieben für Schumacher spannend: Noch in Gouachen von 1978 setzt er sie zwischen schwarze Linien, die er direkt aus der Tube auf das Papier drückte, so dass das Auge in der Zeichnung Farbe und Metall findet, als wären es unterschiedliche Schriften auf einem Plakat.

In der großen Gouache „Winona“ (1968) faltet der Künstler den Bildträger, das Packpapier, und setzt schwarze Sisal-Fasern obenauf. In dem Bildkasten „Paper-Doll“ (1970) faltet er eine Papierbahn, die er mit Acrylfarbe bemalt hat. Es entsteht ein Gebilde, das an einen Schmetterling erinnert. Bei all diesen Werken stellt sich die Frage, ob das noch Gemälde sind oder nicht doch Skulpturen.

Aber selbst, wenn er „nur“ Farbe aufträgt, findet er neue Wege. Wie in „Alumet“ (1995), wo er mit Ölfarbe und Lack auf Aluminium arbeitet. Auch hier unterscheiden sich die Oberflächen, scheint das Metall durch, und wieder kratzt er mit dem Stiel in das Bild. Rouven Lotz erläutert, dass Schumacher damit die Optik von kupfernen Druckplatten aus der Aquatinta-Technik im Medium der Malerei nachempfindet.

Oft denkt man, Schumacher mische Sand in die Farbe, um diese stumpfe, körnige Qualität zu erreichen, die die Oberflächen der Bilder so belebt. Aber Lotz erklärt, dass das nicht nötig war. Schumacher mischte seine Farben selbst, oft verwandte er einfach so viel Pigment, dass das Öl es nicht mehr binden konnte, so dass eben die körnige Konsistenz entstand. Aber Schumacher griff eben zu allem, was ihm gerade zur Hand war. Mal festigte er einen Farbklumpen mit etwas Haushaltspapier. Mal – wie beim Gemälde „Arbo“ (1992) – montierte er groben Nesselstoff auf die Leinwand und tauchte ein Herbstblatt in die Farbe. Wie sinnlich der „Reiz des Materials“ sein kann, das verdeutlicht diese Schau überzeugend.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, 8.3.–7.6., di – so 12 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 31 38, www.esmh.de

Quelle: wa.de

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