Emil Schumacher malt „Sommerfreuden“ in Hagen

„Frau mit Hündchen“ (Fettkreide und Pastell, 1946) zeichnete Emil Schumacher.

Von Achim Lettmann HAGEN - Sommer, Sonne, Badespaß – auch im Emil Schumacher Museum sind jahreszeitliche Motive herrliche Visualisierungen, die die Ausstellung „Emil Schumacher – Sommerfreuden“ bietet.

Zum Beispiel thematisiert der abstrakte Künstler Emil Schumacher (1912–99) vergnügliche Lebensweisen in einer Reihe von Linolschnitten. Auf einer „Allee“ (1938), die expressionistisch zuläuft, werden Alltagsszenen lose aufgereiht. Es gibt auch noch die fröhlichen Menschen einer „Tischgesellschaft“ (1935), und das Blatt „Der Sommer“ (1935) selbst ist bei Schumacher eine divenhafte Frau. Sie verrutscht in der Proportion leicht und wirkt deshalb ein wenig ironisch. Schumacher hatte großes Vergnügen, das Menschliche einzufangen und mit floralen Motiven wie Naturansichten zu kombinieren. Er behandelt das Sujet Sommer liebevoll und kleinteilig. Gleichzeitig hält er aber auch Verbindung zu den großen Themen der Kunstgeschichte.

Überrascht wird man allerdings von den kleinen Formaten, wenn die „Frau mit Hündchen“ (1946) einfach hinreißend und ganz unprätentiös im Profil zu sehen ist. Solche Fingerübungen sieht man von dem expressiv abstrakten Künstler selten. Schumacher hatte die Fettkreidezeichnung mit schnellem Strich ausgeführt. Der Hund wird mit kreisender Hand verwuselt, während die Frau ganz schick und mit Stupsnase erscheint. Die Freude Schumachers ist greifbar, lässt man sich auf den Weintrinker oder Bacchus ein, der gleich zwei Gläser führt: in der Hand und mit dem Fuß „GB-19/1994“ (Gouache auf Aquari-Blüten 1994). Schumacher war 82 Jahre alt, als er diese Arbeit schuf. Sein wolkiger Farbauftrag korrespondiert vielleicht mit dem geistigen Zustand des Weinkonsumenten im Bild.

„Die drei Genossen“, ein Gedicht des Chinesen Li Tai-Pe, illustriert Schumacher 1935. Es ist die Geschichte vom Weinliebhaber, der dem Mond und seinem eigenen Schatten zuprostet, aber die Gläser für alle drei alleine leert. Er freut sich über seinen Selbstbetrug, ein süffisanter Spaß. Emil Schumacher hat noch im hohen Alter das Gedicht zitiert, versicherte sein Sohn Ulrich Schumacher.

Dabei sind viele vergnüglichen Bilder in einer Zeit entstanden, in der Schumacher bei seinen Eltern wohnte und im Privaten malen musste. Wegen der Nazis hatte er 1934 sein Studium der Werkgrafik abgebrochen.

Zu den klassischen Motiven der Ausstellung gehören die Schäferszenen. Als einzelne weiße Wesen tauchen die Tiere in größerformatigen Ölbildern auf. „Benimussa“ (1995) und „Senna V“ (1990/95) zeigen die eruptive Kraft, mit der Schumacher seine abstrakten Oberflächen in Braun, Schwarz und Blau geschaffen hat. Sie bleiben dem Landschaftsbild verpflichtet und erweitern mit den hellen Figurationen das bukolische Hirtensujet. Dabei verlängert Schumacher nicht die pastorale Genremalerei, sondern schafft einen eigenen Ton in der Symbiose von Mensch und Natur.

Verblüffend ist wieder ein Linolschnitt, der Schafe, Schäfer und einen hellwachen Hütehund zeigt, coloriert: „Pastorale“ (1947). Als kleinformatige Entsprechung ist daneben die Kaltnadelradierung „5/1987 Pastoral“ zu sehen, die das Motiv der Schäfer-Gruppe in eine spielerisch weite Landschaft ausdehnt.

In solchen Szenen kann man sich verlieren, so befreit und unangestrengt wirken sie. Rouven Lotz, wissenschaftlicher Leiter des Schumacher Museums, wollte eine Kabinettausstellung zum Sommer konzipieren, wurde dann allerdings von der Anzahl an Bildern überrascht, die das Thema „Sommerfreuden“ variieren. Nun hängen 58 Arbeiten in der Schau, die zeigen will, dass Schumacher auch klassische Sujets in seinem Werk über Jahrzehnte verfolgt hat. So die Badenden, die bei ihm als schwarze Strichimpulse aus einem wechselvollen Blau herausschauen. Das Bild „G-23/1986“ (1986) zeigt die kühle Wucht des Wassers. Und die Figurenkürzel erinnern in ihrer Linienführung an die Kohlezeichnung „Badende in der Ruhr“ (1949). Eine herrliche Korrespondenz zwischen dem abstrakten Spätwerk und dem figurativen Frühwerk. Schumacher war auf seinen Reisen auf solche Szenen am Strand aufmerksam geworden. Bereits 1948 folgte er einer Einladung nach Sylt und genoss die intakte Landschaft der Insel und das Meer. Er musste zu schnell wieder nach Hagen zurück, in die ausgebombte Stadt. Die Währungsreform stand an, und er brauchte seine 40 D-Mark Startgeld.

Schumacher fand in der Natur unberührte Gegenwelten. Mit „Strandbild“ (1950) schwenkt die Ausstellung ganz nebenbei noch auf Schumachers Schritt zur Abstraktion. Reisen nach Marokko, Tunesien, Italien, nach Ibiza und ins Engadin führten ihn zu Bildern, in denen sich das Menschliche findet. Frauen und Kinder zeigt er im Augenblick unverwechselbarer Nähe („G-31/1984“), Paare, wie sie sich im harmonischen Moment („G-80/1984“) zu einander wenden. Schafft er diesen Ausdruck mit wenigen expressiven Strichen, so wirkt seine abstrakte Malweise in anderen Serien opulent. Auf Ibiza erscheinen ihm die barbusigen Damen in ganzer Fülle. Der Maler war von ihrer Unbekümmertheit amüsiert und gab ihnen seinen Ausdruck.

Die Schau

Wie ein abstrakter Künstler Strand, Sonne und Berge im figurativen Frühwerk und in den späten Jahren feiert.

Emil Schumacher – Sommerfreuden im Schumacher Museum Hagen. Bis 3. November; di, mi, fr 10–17 Uhr, do 13–20 Uhr, sa/so 11–18 Uhr;

Tel. 02331/20731 38; www. esmh.de; Katalog 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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