„Emil Nolde – Reiselust“ im Gustav-Lübcke-Museum Hamm

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Spontane Meisterschaft: Emil Noldes „Tänzerin (Blauer Rock)“ (1921) ist in Hamm zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HAMM–Elegant biegt die „Tänzerin (blauer Rock)“ ihren Körper zurück. Der Rock schwingt weit nach links, das schwarze Haar in die Gegenrichtung. Die Hände hat der Maler nur angedeutet mit schnellen, knappen Pinselgesten. Virtuos schildert Emil Nolde hier die Dynamik einer Zigeunertänzerin, wie er sie 1921 in Granada sah. Der Künstler malte seine Aquarelle direkt am Geschehen, ohne Skizzen und ohne die Ruhe des Ateliers. Die Direktheit merkt der Betrachter noch 90 Jahre danach.

Das Blatt ist in der Ausstellung „Emil Nolde – Reiselust. Unterwegs in Deutschland, Spanien und der Schweiz“ zu sehen, die das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm von Sonntag an zeigt. Konzipiert ist die Schau von der Nolde Stiftung Seebüll für ihre Berliner Dependance. Hamm ist die zweite Station.

Emil Nolde (1867–1956) war ein eifriger Reisender. Gerade seine spektakulären Ziele blendet die Schau aus, keine Südsee-Motive, nichts von Japan, China, Skandinavien. Trotzdem bietet Hamm einen anregenden Querschnitt durch das Werk, fixiert an Schlüsseldaten. Spanien allerdings musste dabei sein. Nicht nur, weil Nolde in Granada so begeistert die Gitanos porträtierte, deren Quartier andere Reisende mieden, und weil der Künstler sogar Stierkampf-Szenen schuf, obwohl ihm dieser „Sport“ barbarisch vorkam. Gleich zu Beginn erblickt der Besucher ein „Zigeunermädchen“ aus dem Besitz des Hammer Museums, das auf derselben Reise entstand wie die Tänzerin. Und ein Ausstellungskapitel versammelt aus Eigenbestand, Leihgaben der Nolde Stiftung und des Soester Morgner-Hauses Motive aus Soest, wo Nolde 1906 auf Einladung des Mäzens und Sammlers Karl Ernst Osthaus wohnte und Freundschaft mit Christian Rohlfs schloss. Da sieht man Noldes Vermieterin und einige Radierungen mit Motiven der Stadt, dazu Werke von Rohlfs, Morgner und anderen westfälischen Künstlern.

Nolde fühlte sich in Westfalen nicht wohl. Er reiste nach Thüringen, wohnte eine Weile in Jena, dann im nahen Dorf Cospeda, wo er malte. Damit beginnt die Schau, wie sie Andreas Fluck für die Nolde Stiftung kuratierte. Rund ein Dutzend Gemälde und mehr als 60 Aquarelle sind zu sehen. Besonders die Gemälde aus Thüringen zeigen, wie viel Nolde seinem Vorbild van Gogh verdankt. Motive wie „Braunes Laub“ (1908) sind aus groben Pinselstrichen zusammengesetz wie ein Mosaik. Die Aquarelle wirken viel freier, sind mehr aus dem Spiel der Farbe entwickelt.

Nolde war seit 1902 mit der Dänin Ada Vilstrup verheiratet. Sie begleitete ihn meistens. Allerdings nicht, als er sich im Herbst 1930 nach Sylt zurückzog und mit dem Ehepaar Turgel anfreundete. Margarete Turgel malte er mehrmals. Er schrieb seiner Frau täglich, und er schwärmte offenbar etwas zu oft von Frau T., zum Beispiel entrüstete er sich darüber, dass sie sich von ihm nicht als Akt malen lassen wollte, und das „einem Künstler gegenüber, wie von meinem Format“. In Hamm sind drei Porträts zu sehen, außerdem der Akt „Dünenweib“, in dem Manfred Reuther, Direktor der Nolde Stiftung, trotz abweichender Haarfarbe ebenfalls Margarete Turgel erkennt. Der Künstler kam wohl doch ans Ziel. Der Zufall brachte Reuther in Hamm neue Erkenntnisse: Margarete Turgel war selbst Künstlerin, und das Lübcke-Museum hatte 1963/64 Werke von ihr ausgestellt. Ein Fliesenbild von ihr ist in der aktuellen Schau zu sehen, das dem Hammer Museumsteam bei den Ausstellungsvorbereitungen aufgefallen war.

Das Spätwerk Noldes wird mit Aquarellen aus St. Peter von 1946 vertreten, wo das Ehepaar wegen Adas angegriffener Gesundheit hinreiste. Immer wieder war der Künstler in der Schweiz, zuletzt 1948, nach Adas Tod auf der Hochzeitsreise mit seiner zweiten Frau. Dort entstanden Aquarelle, die sich immer mehr vom Gegenstand lösen. Die „Hochgebirgslandschaft (zwei Frauen)“ entsteht eigentlich aus dem freien Fluss der Farbe.

Emil Nolde – Reiselust im Gustav-Lübcke-Museum Hamm, Eröffnung so, 11.30 Uhr, bis 19.6., di – sa 10 – 17, so bis 18 Uhr, Tel. 02381/ 17 57 01, http://www.hamm.de/gustav-luebcke-museum, Katalog 29,95 Euro, DuMont-Verlag

Quelle: wa.de

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