Das Emerson String Quartet in Dortmund

+
Das Emerson String Quartet (von links): David Finckel, Philip Setzer, Eugene Drucker und Lawrence Dutton. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ DORTMUND – Das Goethe-Zitat, wonach das Streichquartett „ein Gespräch unter vier vernünftigen Leuten“ sei, stimmt nicht. Zumindest nicht, was das Programm des Emerson String Quartet am Samstag im Konzerthaus Dortmund betrifft: Mit Werken von Alban Berg, Dimitri Schostakowitsch und Ludwig van Beethoven belassen es die vier New Yorker nicht bei gepflegter Unterhaltung. Sie lesen die Kompositionen als Psychogramme.

Dabei besticht das Spiel der vier Absolventen der Juilliard School, die ihr Quartett vor 35 Jahren gründeten, mit einer unerhörten Homogenität, die mehr den Klangkörper hervortreten lässt als vier Stimmen. Blickkontakt suchen die Violinisten Philip Setzer und Eugene Drucker, Bratschist Lawrence Dutton und Cellist David Finckel untereinander nur selten.

Zwar bewegt sich das Programm dieses Abends gewissermaßen zurück zu Goethes Gesprächseindruck: In Beethovens schwermütigem Streichquartett Nr. 14 cis-Moll (op. 131) treten am Ende die formalen Traditionen am deutlichsten hervor, entfalten und verändern sich die Themen in Rede und Gegenrede. Doch das Emerson String Quartet befasst sich hier nicht mit Strukturverweisen, sondern hält auch den ausladenden vierten Satz mit seinen Variationen in stetem Fluss.

In Bergs Streichquartett op. 3 (1910) ist dagegen die komplexe Motivarbeit nicht nachzuhören. Der Schönberg-Schüler erprobte die Atonalität, bewies auch einen geschärften Sinn für die Form – doch es vermittelt sich vor allem höchste Anspannung. Berg habe „im Trotz“ komponiert, so zitiert das Programmheft aus einem Brief, und kämpfte um seine Geliebte. Diese Stimmung lassen die Musiker im zweiten Satz („Mäßige Viertel“) durchdringen, wenn sich beharrliche Tonwiederholungen zu heftigen Clustern verhaken. Den ersten („Langsam“) hält das Emerson String Quartet dagegen in heller, durchhörbarer Bewegung, was den Gestus der Resignation umso deutlicher hervortreten lässt.

Höhepunkt des Abends ist Schowstakowitschs beklemmende Lyrik im c-Moll-Streichquartett Nr. 8 (1960), in dem das Emerson String Quartet die Verlorenheit des in der Sowjetunion lange Ausgegrenzten skizziert – Schostakowitsch fordert zu solchen biografischen Rückschlüssen auf, indem er den ersten Satz mit einem Monogramm (D-Es-C-H) eröffnet.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare