Elsinor Verlag aus Coesfeld bringt Anthony Burgess' „Jetzt ein Tiger“ heraus

Anthony Burgess Foto: International Anthony Burgess Foundation

Sein Roman „A Clockwork Orange“ ist weltberühmt, weil Stanley Kubrick es verfilmt hat. Aber auf dem deutschen Buchmarkt ist der britische Autor Anthony Burgess (1917–1993) längst nicht so präsent, wie er es verdient. Neben der Neuübersetzung von „Uhrwerk Orange“ hält sein langjähriger Verlag Klett-Cotta noch das Meisterwerk „Der Fürst der Phantome“ vor. Das war‘s. Umso lobenswerter, dass ein Kleinverlag sich an das Erstlingswerk des Autors wagt, „Jetzt ein Tiger“. Es ist der erste Band einer Trilogie, die in der Kolonie Malaya spielt, dem heutigen Malaysia.

Burgess hat von 1954 an vier Jahre als Lehrer dort gearbeitet, insoweit verarbeitete er eigene Erfahrungen, so wie auch in die Figur des Lehrers Victor Crabbe wohl autobiografische Züge einflossen. „Jetzt ein Tiger“ bezieht sich auf den Werbeslogan einer Brauerei. Und die Figur, die alles in Bewegung bringt, ist der allzeit durstige Sergeant Nabby Adams, der seine abendlichen Vorräte so überschlägt: „Drei Flaschen würden nicht reichen, bis es Zeit wäre, sich zur Fahrbereitschaft auf den Weg zu machen. Und wenn er jetzt noch eine Flasche tränke, bedeutete das auf jeden Fall nur eine einzige Flasche zum Aufwachen. Und keine zum Frühstück. Er stöhnte vor sich hin: Seine Probleme nahmen kein Ende.“

Nabby laviert sich durch zwischen arroganten Vorgesetzten und den chinesischen Ladenbesitzern, bei denen er in der Kreide steht. Auch das restliche, farbig schillernde Personal hat seine Probleme. Crabbe zum Beispiel macht alle Wege zu Fuß, weil seine erste Frau bei einem von ihm verschuldeten Autounfall starb. Seine zweite Frau hingegen fühlt sich isoliert und wünscht sich nichts mehr, als einmal die Gegend erkunden zu können, vielleicht im Filmklub. Crabbe betrügt sie mit einer Einheimischen und hat auch am College Probleme, denn der Rektor will einen Schüler suspendieren, der angeblich Mädchen geküsst hat. Crabbe findet die Strafe „harsch“. Nabby möchte mit einem dubiosen Autohandel das Mobilitätsproblem Crabbes und die eigene Schuldenkrise lösen. Daneben tritt noch auf Nabbys Corporal Alladad Khan, Muslim, aber einem guten Schluck nicht abgeneigt, unglücklich verheiratet (wie eigentlich alle in dem Roman), hoffnungslos verliebt in Crabbes Frau.

Es ist eine famose, sichtlich von Shakespeare inspirierte Komödie der Irrungen, durch die Burgess sein Personal führt. Nebenbei zeichnet er ein Bild der Multikulti-Gesellschaft, voller Sympathie für das Nebeneinander von Malayen, Chinesen, Sikhs, Muslimen, das gefährdet ist durch die Überformung durch den Westen, durch Comics und Kino. Sogar Crabbes schwuler Hausdiener, der in seinen tuan, seinen Herrn, verliebt ist, wird verständnisvoll porträtiert: „Er überlegte, ob er ein paar Schildkröteneier kaufen sollte, als Überraschung für tuan, oder vielleicht ein blaues Vögelchen in einem Käfig oder auch ein Spielzeugxylophon. Ibrahim machte gern kleine Geschenke. Außerdem fand er es nur gerecht, dass tuan ein wenig von dem Geld zurückbekam, das er, Ibrahim, regelmäßig aus tuans Hosen oder aus der Schublade im Schreibtisch stahl.“

Die Kolonialherren kommen bei Burgess nicht so gut weg, sie sind mal borniert, mal überheblich, mal korrupt, mal alles zusammen. Der versoffene Nabby und der naive Crabbe sind noch die sympathischsten Vertreter. Man darf wohl das Urteil des Sprachlehrers verallgemeinern, der Crabbe erklärt: „Englände‘ suchen imme‘zu nach Regeln. Abe‘ im Orient gibt es keine Regeln. Hihihi.“

Anthony Burgess: Jetzt ein Tiger. Roman. Deutsch von Ludger Tolksdorf. Elsinor Verlag, Coesfeld. 231 S., 26 Euro

Quelle: wa.de

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