Eliot Weinbergers Essayband „Orangen! Erdnüsse!“

Eliot Weinberger ▪

Über den chinesischen Dichter Gu Cheng schreibt Eliot Weinberger wie über den Helden einer Erzählung. Er erwähnt den hohen, zylindrischen Hut, den Gu Cheng trug, „den er aus dem Hosenbein einer Jeans angefertigt hatte“.

Von Ralf Stiftel

Weinberger begegnet dem Poeten und Dissidenten in Berlin und fragt ihn danach: „Er nehme diesen Hut nie ab, erklärte er mir, damit keiner seiner Gedanken seinem Kopf entweichen könne.“ Es ist eine traurige Geschichte über Unterdrückung in China und über einen großen Autor, der an seinem Ich scheiterte, seine Frau und sich umbrachte.

Der Text eröffnet Weinbergers Essayband „Orangen! Erdnüsse!“, eine Schatzgrube für fortgeschrittene Leser. Der Titel entstammt einem Bildkommentar Weinbergers zum Foto eines mexikanischen Markthändlers. Der 1949 in New York geborene Autor hat aus dem Spanischen und Chinesischen übersetzt. In der lakonischen und zugleich enzyklopädischen Haltung erinnert er an den argentinischen Universalpoeten Jorge Luis Borges (den er übersetzt hat). Er liebt die Form der Miniatur wie im wunderbaren Band „Das Wesentliche“. Sein neues Buch enthält auch das, eine zauberhafte Anekdote über den altindischen Literaturkritiker Natkira zum Beispiel, der selbst am Gedicht des Gottes Shiva herummäkelte.

Aber eigentlich behandelt er ausführlicher literarische Themen, widmet zum Beispiel dem Verleger James Laughlin eine Würdigung und der Kritikerin Susan Sontag eine Abrechnung. Dabei weitet er gern die Perspektive. Wenn er über das Übersetzen schreibt, dann stellt er fest, dass zum Beispiel die klassische chinesische Dichtung ihren Höhepunkt in der T'ang-Dynastie erreicht habe, „einer Zeit des Internationalismus, und siecht dann fast ein Jahrtausend lang, in dem China sich von der Welt abkapselt“. Weinberger schreibt als Amerikaner, der die Selbstbezogenheit seiner Landsleute kritisiert. Er unterstreicht, dass das Übersetzen die Sprache befreit. Die Betrachtung seines Handwerks gerät ihm zum Plädoyer für kulturelle Offenheit. Wunderbar, wie er darüber immer wieder ins Erzählen kommt, zum Beispiel den Ursprung des Begriffs Übersetzung, das lateinische translatio, ableitet vom mittelalterlichen Wortgebrauch, der den „Diebstahl oder die Entfernung von Reliquien aus einem Kloster oder einer Kirche in eine andere“ meinte.

Zwischendurch wendet Weinberger sich der Politik zu, in einer Rezension von „Decision Points“, einem autobiografischen Rückblick des US-Präsidenten George W. Bush auf seine Regierungszeit. Auf nur 13 Seiten leistet der Autor Stilkritik als Fundamentalabrechnung. Das beginnt mit der Nennung der Ghostwriter, die Bush im Text verschwinden lassen. Der Präsident, der zum einsamen Helden stilisiert wird. Und tatsächlich anders war: „Ein Welpe in einem Tal voller Alpha-Männer, unzulänglich im Vergleich zu Dad, gedemütigt von Mutter, wurde er zur Kompensation der klassische Rüpel: (…) ein Boss, der seine untergebenen beschimpfte und für jeden in seiner Umgebung einen erniedrigenden Spitznamen erfand...“ Penibel listet Weinberger auf, was im Buch verschwiegen und schöngeschrieben wurde.

Die Spannweite fasziniert an dieser Textsammlung: Weinberger erledigt Bush nicht nur gedankenscharf, sondern auch unterhaltsam. Und dann wieder lässt er eine Farbe in 1000 Schattierungen schillern, von den Maya, die kein Wort für Blau hatten, über Komponisten, die Blau als Klang wahrnahmen, bis zum schlimmsten Fluch der Jesiden: „Mögest du blau gewandet tot umfallen.“

Eliot Weinberger: Orangen! Erdnüsse! Deutsch von Peter Torberg. Berenberg Verlag, Berlin. 197 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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