„Eirene/Pax“ im Archäologischen Museum in Münster

Die Münsteraner Rekonstruktion der Eirene des Kephisodot ist bronzen gefärbt. Das Original entstand um 375 v. Chr. in Griechenland.

MÜNSTER Sie erstrahlt ganz in Bronze, die griechische Friedensgöttin Eirene. Anlässlich des großen Ausstellungsprojekts „Frieden. Von der Antike bis heute“ in Münster ist eine Replik der antiken Skulptur, von der es weltweit nur zehn Exemplare gibt, erstmals in diesem Metallton eingefärbt worden. Diese „Eirene“ ist ein Abguss einer römischen Rekonstruktion aus der Glyptothek in München. Sie wird unter dem Namen „Eirene von Kephisodot“ geführt. Der attische Bildhauer hatte die Göttin um 375 v. Chr. mit dem Ploutusknaben auf dem Arm geschaffen und den Frieden symbolisch verkörpert.

Sie bestand ursprünglich aus Bronze, stand auf der Agora in Athen, einem Versammlungsplatz, und war in römischer Zeit in Marmor nachgebildet worden. In der Münsteraner Fassung ist der Blickkontakt zwischen Göttin und Knabe bedeutsam. Das Füllhorn des Jungen bleibt leer wie in der klassischen Zeit. In römischen Nachbildungen quillt das Behältnis vor Früchten nur so über. Wichtig ist die bildliche Botschaft, dass Reichtum erst möglich wird, wenn sich Eirene dem Knaben zuwendet. Der Wohlstand in einer Gesellschaft ist wie ein Kind auf seine Mutter – auf Frieden – angewiesen.

Die Eirene ist das zentrale Schaustück der Ausstellung „Eirene/Pax. Frieden in der Antike“, die im Archäologischen Museum am Domplatz gezeigt wird. Vor dem vierten Jahrhundert v. Chr. gab es den Begriff Frieden so gar nicht. Im Mittelmeerraum entwickelte sich die griechische Polis. Es handelte sich um 700 Stadtstaaten, die sprachlich und kulturell verbunden waren, aber jeder stand wirtschaftlich für sich. Es kam zu Konflikten. Vom Historiker Herodot (485–424 v. Chr.) ist der Ausspruch überliefert, dass der Bürgerkrieg schlimmer sei als ein „einmütig geführter Krieg“. Aber um Frieden zu schaffen, mussten mit der zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit erst Rache und Vergeltung überwunden werden. Angesichts der Konkurrenz zwischen den großen Staaten Athen und Sparta kam es nicht dazu. Es fehlte letztlich ein Friedensvertrag, der Konflikte verhinderte und alle Beteiligen mit einbezog. Auch die makedonischen Könige Philipp II. und Alexander der Große brachten der Staatenwelt keine Ruhe. In römischer Zeit fehlten belastbare Verträge, die Kriege verhinderten.

Die Ausstellung in Münster umfasst 1000 Jahre von 700 v. Chr. bis 300 n. Chr. Ältestes Exponat ist allerdings der Friedensvertrag, den Hethiter und Ägypter 1259 v. Chr. in Vorderasien schlossen – es ging um die Machtbalance der Großreiche. Vom Vertrag sind nur noch Fragmente (in Keilschrift) als Kopien zu sehen. Das Original ist in Berlin zu finden.

Die Sehnsucht nach Frieden ist vor allem während des Peloponnesischen Kriegs (431–404 v. Chr.) in Literatur, Religion, Politik und auf Kulturgegenständen nachweisbar. Erstaunlich ist, dass in den Kriegsdarstellungen weniger Zweikampfszenen zu finden sind als Darstellungen mythischer Gruppen. Kentauren und Amazonen stehen stellvertretend für den Gegner, der die eigene Zivilisation bedrohte und so visuell stigmatisiert wurde. Auf einem attischen Mischgefäß wenden sich die Athener gegen Amazonen (450–440 v. Chr.). Immer wieder muss der Gründer Athens, Theseus, sich gegen Eindringe wehren. Aber Seeschlachten, wie sie gegen die Perser geführt wurden, finden sich visuell nicht wieder, weil es keine mythischen Vorbilder, keine Äquivalente gibt.

Als erstes Friedenszeichen gilt der Handschlag. Auf Reliefbildern ist Athene zu sehen, wie sie der Gottheit Hera des Stadtstaates Samos die Hand reicht. 405/404 v. Chr. kam es zum Bündnis. Das Friedenssymbol wird fortan verwandt – auch in römischer Zeit, wie auf einer Silbermünze aus dem Bürgerkriegsjahr 68 n. Chr. Caesar inszeniert sich als erster Friedensfürst.

Mit dem Aufstiegs Roms zur antiken Weltmacht entwickelte sich ein neues Friedenskonzept. Der Kaiser selbst machte sich zum Garanten. Pax Augusta traf auf die Regierungszeit Augustus von 27 v. Chr. bis 14. n. Chr. zu. Als Prinzipat hatte er die inneren Konflikte blutig beendet, Kontrahenten ausgeschaltet und die Republik vordergründig wieder hergestellt. Doch gab es fortan eine politische Programmatik. Augustus sagte zu eroberten Regionen „pacavi“ (ich habe befriedet). 13. v. Chr. wurde auf dem Marsfeld (250 Hektar groß) ein Pax-Altar errichtet, Münzen mit der Friedensgöttin wurden geprägt und Reliefbilder geschaffen. Der Gipsabguss einer Reliefplatte des Friedensaltars zeigt in Münster eine Frau mit zwei Kindern. Unter ihnen sind eine Kuh und ein Schaf zu sehen, wie in einem christlichen Krippenbild. Gewächse und Pflanzen stehen um die Frau, die als Friedensgöttin gedeutet werden kann. Es geht in dem Bildnis um eine Wohlstandsverheißung, die Folge des Friedens. Ein Modell des Marsfelds, das außerhalb Roms lag, steht in der Ausstellung.

Dass dem Frieden ein Tempel auf dem Feld des Kriegsgottes gewidmet war, zeigt, dass es keine echte Konkurrenz zur Kernidentität der Weltmacht gab. Rom blieb eine kriegerische Gesellschaft. Das Römische Reich war nicht durch geniale Heerführer groß geworden. Vielmehr funktionierte ein Militärsystem, das einsatzbereite Bürger stellte, die an der erkämpften Beute beteiligt wurden und so gegen jeden Gegner antraten. Mit dieser strukturellen Aggressivität wurden Samniten in Mittelitalien und König Pyrrhos (Süditalien) ausgeschaltet, wie die Karthager später in Nordafrika (350–150 v. Chr.). Kriege an den Rändern des Römischen Reiches blieben Alltagsgeschäft. „Friedenskaiser“ wie Hadrian waren im Senat nicht gut angesehen, weil sie die Grenzen nicht erweiterten.

Der innere Frieden Roms wurde mit bukolischen Bildern in der Kaiserzeit beschworen. Oft waren es säugende Tiere, wie die Wildsau mit ihren sechs Frischlingen. Der Gipsabdruck eines Marmorreliefs ist in Münster zu sehen. Das Tieridyll zierte einst einen Prunkbrunnen. und gehört heute zur Antikensammlung in Wien.

Zu den Zeichen des Friedens zählen Botenstab, Taube, Ölzweig und Füllhorn. Aber auch das Ende des Krieges kann als Symbol für den Frieden verstanden werden. Wenn auf dem Schlachtfeld ein Siegesmal, ein Tropaeum, dort aufgestellt wurde, wo der Feind sich zur Flucht aufmachte. Erbeutete Waffen und Rüstungen waren dann auf Baumstämme gesetzt. Die Statuette eines römischen Siegesmals, 1. Jahrhundert n. Chr., gibt einen Eindruck davon. Sie zeigt eine Rüstung und Beinschoner.

Friedensstifter übernahmen bereits in der Antike vertrauliche Handlungen wie Handschlag, Umarmung und Kuss in das Repertoire ihrer Gesten auf, um die Friedensabsicht zu bekräftigen. Sie zählen zu den Friedensritualen bis in unsere Zeit.

Die Schau

Eine substanzielle Präsentation, die die Symbole zeigt, mit denen Menschen seit der Antike ihren Friedenswillen bekunden.

Eirene/Pax. Friede in der Antike im archäologischen Museum der Universität Münster. Bis 2. 9.; di-so 10–18 Uhr;

Tel. 0251/8325412;

www.uni-muenster.de/ArchaeologischesMuseum/

Katalog 28 Euro

Das Projekt Frieden. Von der Antike bis heute ist ein Beitrag zum Europäischen Kulturerbejahr in Münster. Fünf Ausstellungen behandeln das Thema: Wie haben Menschen über Jahrtausende versucht, Frieden zu sichern. Beteiligt sind das Museum für Kunst und Kultur, das Picasso-Museum, das Bistum Münster, das Archäologische Museum und das Stadtmuseum.

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