„Einfühlung und Abstraktion“: Bielefeld zeigt moderne Malerei von Frauen

Sinnlich und voller Spannung: Helene Funke malte das Bild „In der Loge“ um 1904/07. Zu sehen ist es in der Kunsthalle Bielefeld. - Fotos: Kunsthalle

Bielefeld - Die drei Frauen auf Helene Funkes Gemälde „In der Loge“ kreisen sozusagen um sich. Die linke Frau blickt geradeaus, vielleicht zum Betrachter, vielleicht aber auch ins Irgendwo. Ist sie versunken in Gedanken? Die mittlere richtet das Theaterglas nicht auf die Bühne, sondern eher in eine andere Loge. Die rechte hat dem Geschehen den Rücken zugewandt, sieht dann aber doch hin. So verwandelt die Malerin Zuschauerinnen in Anschauungsobjekte. Es ist geradezu eine Choreografie der Blicke. Das wahre Theater spielt hier.

Das Bild, um 1904/07 entstanden, ist in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen. Die Ausstellung „Einfühlung und Abstraktion“ soll den Beitrag der Künstlerinnen zur Moderne in Deutschland herausgearbeitet werden. Rund 140 Werke, Gemälde und einige Zeichnungen, von 27 Frauen führen durch die Kunstgeschichte vom Impressionismus bis in die Gegenwart.

Wie nötig eine solche Betrachtung ist, demonstriert Jutta Hülsewig-Johnen, die die Schau mit Henrike Mund kuratiert hat, an einer der bekanntesten Malerinnen. Paula Modersohn-Becker, der ein eigenes Kabinett gewidmet ist, genießt zwar durchaus Nachruhm. Aber wahrgenommen wird sie vor allem über ihre Biografie. Ihre Bilder schätzt man als Zeugnisse einer romantisierten Naturwahrnehmung. Dabei hat sie schon um 1900 in Paris Bilder von Cézanne gesehen und sein Konzept einer von der Farbe her gedachten Komposition umgesetzt, Jahre bevor die Expressionisten in diese Richtung gingen. Modersohn-Becker war eine „Avantgardistin vor der Avantgarde“, so Hülsewig-Johnen.

Aber welche Künstlerinnen kennt man denn noch? Von Helene Funke (1869–1957) zum Beispiel weiß man nicht einmal alle Lebensstationen. Die in Chemnitz geborene Malerin hatte in Paris von Matisse und den Fauvisten gelernt. In den 1920er Jahren stellte sie europaweit aus. Ihr wurde 1928 der österreichische Staatspreis zugesprochen, 1955 wurde sie zur Professorin ernannt. Die so rätselvollen Frauengruppen und die Stillleben in der Ausstellung sind von großer Qualität. Aber selbst Fachleute fragen: Helene wer...?

Die Kunstgeschichte ging ungerecht mit den Frauen um, weil Männer sie schrieben. Der Wiener Kritiker Arthur Roessler behauptete, dass die Frau zwar malen könne, „aber sie übertrifft niemals ihr unmittelbares männliches Vorbild“. Solche als Fakten verbrämte Behauptungen hatten zur Folge, dass Frauen weniger Ausstellungen hatten, für ihre Bilder weniger Geld bekamen, ihre Leistungen nicht gewürdigt wurden. Hülsewig-Johnen erinnert daran, dass Frauen zudem lange nicht an regulären Kunstakademien zugelassen waren. So wichen sie aus an Privatschulen und spezielle Institute. Die Diskriminierung hatte Hülsewig-Johnen zufolge aber auch Vorteile. Die Frauen fanden so aufgeschlossene Lehrer, die weniger in den akademischen Konventionen befangen waren. Sie konnten einfacher individuelle Wege gehen. Die Schau bietet zwar mit rund 20 Künstlerinnen eine breite Übersicht. Aber auch sie zeigt nicht alles. So ist zwar Gabriele Münter vertreten, ihre Kollegin Marianne von Werefkin, ebenfalls eine der Geburtshelferinnen des Blauen Reiters, nicht, wahrscheinlich, weil sie Russin war.

Eine Reihe von Malerinnen wurde inzwischen entdeckt. Vor einigen Jahren zum Beispiel gab es eine Retrospektive der Lüdenscheider Malerin Ida Gerhardi (1862–1927). Sie war bestens vernetzt, hat zum Beispiel den Hagener Mäzen Karl Ernst Osthaus beraten. Ihre duftigen Bilder von Bällen und aus Spelunken sind ebenfalls ausgestellt. Berühmt ist die Bildhauerin Käthe Kollwitz, mit der Gerhardi in Paris befreundet war. Auch Werke von Jeanne Mammen (1890–1976) wurden inzwischen schon in Museen präsentiert. Meistens allerdings lagern Museen Bilder von Frauen im Depot.

Die Bielefelder Schau bietet frappierende Entdeckungen. Da ist Ida Kerkovia, deren klar konstruierte Gemälde Parallelen zum Werk Paul Klees aufweisen. Dorothea Maetzel-Johannsons „Zwei weibliche Akte“ (1919) schreiben den „Brücke“-Expressionismus fort. Da sind die Aquarelle von Elfriede Lohse-Wächtler, von der Radikalität und Wucht eines Grosz oder Dix. Die schonungslosen Selbstporträts lassen ahnen, welche Nöte die Künstlerin umtrieben, die zeitweise im Rotlicht-Milieu von St. Pauli lebte, wegen Schizophrenie in eine Heilanstalt kam und von den Nazis 1940 ermordet wurde. Ihrer Zeit voraus war auch die Paderbornerin Ella Bergmann-Michel (1895–1971), die schon um 1920 protosurrealistische Zeichnungen schuf, später stark reduzierte Abstraktionen.

Kunsthallendirektor Friedrich Meschede hatte angeregt, die Linie bis in die Gegenwart fortzuschreiben. Und so sind auch Künstlerinnen der Nachkriegszeit zu sehen, als Übergangsfigur Meret Oppenheim (1913–1985) mit wunderbar leichten abstrakten Bildern.

Die österreichische Malerin Maria Lassnig (1919–2014) ist mit einer Werkgruppe zu sehen. Es gibt drei Großformate von Christa Näher, die auf grobes Jute gemalten Bilder von Leiko Ikemura, die fotorealistischen, das Medium Malerei reflektierenden Arbeiten von Karin Kneffel und eine Installation mit Bildern von Sophie von Hellermann.

Einfühlung und Abstraktion in der Kunsthalle Bielefeld. Eröffnung heute, 19 Uhr, bis 28.2.2016. di – so 11 – 18, do bis 21, sa 10 – 18 Uhr,

Tel. 0521 / 32 99 95 00

www.kunsthalle-bielefeld.de

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 38 Euro

Quelle: wa.de

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