Einfach mal tonal: Die Wittener Tage für neue Kammermusik

Von Karsten Mark ▪ WITTEN _Nach außen scheint alles wie gehabt: Zum 44. Mal seit 1969 kommt die Avantgarde der ernsten akademischen Komponisten in Witten zusammen, um neue Kammermusik zu präsentieren. 24 Uraufführungen stehen auf dem Programm, sechs Erstaufführungen, und der WDR-Hörfunk, der das Meiste in Auftrag gegeben hat, zeichnet auf, um es später zu senden. Auffällig ist nur das Fehlen der spektakulären Außenaktionen, mit dem das Festival sonst für Aufmerksamkeit sorgte.

Dafür war dieses Jahr kein Geld da. Die Stadt Witten kämpft mit einem Nothaushalt und durfte keinen Euro zum Festival beitragen. Nur weil der WDR einsprang, konnte es überhaupt stattfinden. Dennoch gibt sich WDR-Programmmacher und Festivalleiter Harry Vogt optimistisch: Noch seien nicht alle Lösungsmöglichkeiten ausgeschöpft.

Zwei bis drei Jahre beträgt der Vorlauf für die Programmplanung. In einem Fall dauerte es gar 20 Jahre, bis ein Kompositionsauftrag erfüllt wurde. 1992 hatte Vogt bei dem Dänen Hans Abrahamsen ein Streichquartett in Auftrag gegeben. Doch der fiel in eine tiefe Schaffenskrise, vergaß den Auftrag indes nicht. In diesem Jahr kam das Quartett schließlich zur Aufführung, und Vogt widmete dem Komponisten sogar den Programmschwerpunkt.

Abrahamsen, der dieses Jahr 60 wird, ist vom dogmatischen jungen Neuerer der 70er Jahre zum Minimalisten geworden, der mit sehr einfachem, sogar mit sehr einfach tonalem Material arbeitet. „So viel Naivität hätte ich nicht gewagt in jungen Jahren“, gesteht er heute. Selten war in Witten ein so offenes Bekenntnis zur Tradition zu hören wie bei Abrahamsen, der sich auf die deutsche Romantik oder auf Debussy und Strawinsky bezieht. Bislang waren eher die Vertreter eines dogmatischen Modernismus vertreten, die jeden Rückgriff auf die tonale Tradition als Verrat empfanden.

Das Publikum jedenfalls goutierte diese oft plakative und oft deutlich romantisch beeinflusste Musik. Mit einem Besuchermangel hatte das Festival nicht zu kämpfen.

Quelle: wa.de

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