„Einfach. Eigen. Einzig.“ Otto Mueller im Lehmbruck-Museum

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Gemalte Liebeserklärung: Otto Muellers „Paar am Tisch“ (1924/25) ist in Duisburg zu sehen ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DUISBURG–Kühl blickt die Frau den Betrachter an. Sie sitzt nackt auf dem Schoß des Mannes, der sich im Hintergrund hält, die Augen verschattet, der Oberkörper ein grünlicher Schemen. Otto Mueller malte 1924/25 das „Paar am Tisch“. Nicht irgendein Paar. Wir sehen den Künstler und seine Ex-Frau Maschka, von der er seit 1921 geschieden war. Das Bild löscht die Trennung aus, behauptet eine fortbestehende Beziehung. Der Maler hatte sich neu in Maschka verliebt.

So spiegeln die Bilder Otto Muellers (1874–1930) sein Leben. Nachsehen kann man das in der Ausstellung „Einfach. Eigen. Einzig: Otto Mueller“ im Lehmbruck-Museum in Duisburg. Das Haus, spezialisiert auf Plastiken, besitzt dank Schenkungen und Ankäufen eine der umfangreichsten Sammlungen mit Werken des Künstlers, der 1910 Mitglied der expressionistischen Gruppe „Die Brücke“ wurde. Das genügt eigentlich für einigen Nachruhm. Aber Mueller steht bis heute im Schatten seiner jüngeren Kollegen Kirchner, Heckel, Pechstein. Er wird als der „Lyriker“ abgetan, eine Nebenfigur, reduziert auf gefällige Badeszenen. Und seine späte Grafikmappe mit Zigeunerdarstellungen wird wegen ihrer stärkeren Farbigkeit als Werkhöhepunkt gefeiert.

Die Ausstellung, konzipiert für die Otto Mueller Gesellschaft Weimar von Hans-Dieter Mück, versucht mit Fehleinschätzungen aufzuräumen. Mit rund 140 Arbeiten stellt sie ein eigenständiges Werk vor, das schon ausgeprägt war, als die „Brücke“-Künstler in Mueller einen Gleichgesinnten erkannten. Da hatte er schon eine Lithographen-Lehre absolviert und in Dresden Kunst studiert, was er allerdings abbrach, weil es ihm zu konservativ war.

Mueller hatte ähnliche Vorlieben wie die „Brücke“-Künstler. So malte er 1903 seine Geliebte Maschka Mayerhofer als „Lucretia“. Das Bild zeigt die mythologische, tugendhafte Selbstmörderin als überlebensgroßen frontalen Akt und brach mit allen bürgerlichen Konventionen, da eben kein anonymes Modell posiert. Der Maler bezieht sich auf die dramatischen Inszenierungen von Lucas Cranach. Ganz so tat es um 1910 Ernst Ludwig Kirchner, als er seinen stehenden Akt mit Hut schuf. Schon 1897 hatte Mueller Gedanken zur Kunstfreiheit geäußert, wie sie später Kirchner ganz ähnlich im „Brücke“-Programm formulieren sollte. Mueller kam als Geistesverwandter, als Impulsgeber in die Gruppe, nicht als Mit- oder Nachläufer.

Neu bestimmt die Schau in einem eigenen Kapitel die Beziehung Muellers zu Lehmbruck. Noch immer heißt es bei Wikipedia, der Maler habe sich an den überlängten Formen des Bildhauers orientiert, mit dem ihn eine Freundschaft verband. Dabei ist es umgekehrt: Mueller schuf zunächst – schon in der „Lucretia“ – jenes schlanke, an der Gotik geschulte Figurenideal, das Lehmbruck später aufgriff. Die Ausstellung zeigt das in Vergleichen: Muellers „Fünf Badende unterm Baum“ (1910/12) finden ihr Echo in Lehmbrucks Gemälde „Komposition mit drei Frauen“ und dem Terracottarelief „Drei Frauen“ (beide 1914).

Es mag Muellers Nachruhm besonders bei Kunsthistorikern geschadet haben, dass er so sehr mit seinen Aktdarstellungen identifiziert wird. Ein Lyriker, gewiss, mit hochästhetischen Bildern. Aber eben auch einer, der nur ein Thema kennt. Was nicht stimmt, wie die Ausstellung belegt. Da gibt es die vor kurzem entdeckten Porträts des Neusser Fabrikanten-Ehepaars Kallen (1917), da gibt es die menschenlosen Waldlandschaften und Dorfszenen. Aber selbst bei den Akten finden sich Unterschiede. Zum Beispiel arrangiert Mueller in seinen Badeszenen stets mehrere Figuren in der Natur. Oft hat man die Badenden, Stehenden, Liegenden in Rückenansicht, als Bestandteil ihrer Umgebung. Man mag hier an Paradiesdarstellungen oder bukolische Naturverklärung denken. Tatsächlich aber sind diese Bilder kühl, schon durch ihre gedeckten, stumpfen Farben. Mueller feiert keine Freiluftparty, er beobachtet und gestaltet Szenen von höchster, zeitloser Anmut.

Anders seine Akte in Innenräumen, die von bedrängender Intimität sind. 1908 zeigt er in einer Lithographie Maschka und sich beim Liebesakt. Er stellt fast immer seine Lebenspartnerin dar: Bis 1919 Maschka, dann die noch minderjährige Jüdin Irene Altmann. In seinen Bildern spiegelt der Künstler sein Leben und Lieben auf unerhörte Weise.

Zugleich sind die Frauen in seinen Bildern selbstbewusst, modern, nicht passive Anschauungsobjekte. Noch in ihrer Nacktheit behält Maschka im Doppelbildnis mit ihrem kühl abschätzenden Blick die Initiative. Wie im wirklichen Leben. Da kam Mueller trotz Scheidung nie richtig von seiner ersten Gattin los, wechselte Briefe mit ihr und machte sie zu seiner Partnerin, die dazu beitrug, dass der Künstler in den 1920er Jahren ausgesprochen erfolgreich war.

In Duisburg ist ein großer Expressionist neu zu sehen.

Einfach. Eigen. Einzig: Otto Mueller im Wilhelm-Lehmbruck-Museum Duisburg. Bis 24.2.2013. mi – sa 12 – 18, do bis 22, so 11 – 18 Uhr, Tel. 0203/ 283 2630, http://www.lehmbruckmuseum.de, Katalog, 3 Bde., 35 Euro

Quelle: wa.de

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