Mit einer Hand - Leon Fleisher eröffnet Klavierfestival Ruhr

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Sie eröffneten in Bochum das Klavierfestival Ruhr: Leon Fleisher, Nicholas Angelich und Dirigent Dennis Russell Davies (vorn, von links) mit der Neuen Philharmonie Westfalen.

BOCHUM - Der Wortwitz ist etwas schal: „Mit links“ wurde das Klavierfestival Ruhr am Samstag in Bochum eröffnet. In der Jahrhunderthalle spielten die amerikanischen Pianisten Leon Fleisher (Jahrgang 1928) und Nichlas Angelich (1970) Konzerte von Sergej Prokofjew und Maurice Ravel, beide Anfang der 1930er Jahre geschrieben für den Pianisten Paul Wittgenstein.

Von Elisabeth Elling

Der hatte als österreichischer Soldat im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verloren. Den Versehrten des Kriegs, der vor 100 Jahren begann, war das Konzert gewidmet.

Auch für Leon Fleisher war das Spielen „mit links“ keine Übung in Leichtigkeit, sondern jahrzehntelang Bewältigungsstragie. Seine Weltkarriere wurde für den 35-Jährigen in Frage gestellt, als der vierte und fünfte Finger der rechten Hand erlahmten. Erst dreißig Jahre später gelang, Dank einer Botox-Therapie, ein beidhändiges Comeback. Mit zwei Händen spielt er später auch noch in Bochum: als Zugabe gemeinsam mit Angelich einen von Dvoraks Slawischen Tänzen.

Fleishers Solopart in Prokofjews Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 (B-Dur, op. 53) ist die zurückhaltendste Interpretation und Performace des Abends. In sich gekehrt, ganz der Musik hingegeben, die rechte Hand meist auf den Rahmen neben der Tastatur gestützt, so spielt Fleisher. Das Konzert wird zum vielfältigen Zeugnis von Gebrochenheit und Vorläufigkeiten: jene chromatischen verzogenen Doppelläufe im ersten Satz, ein träumerisch-weicher Anschlag im folgenden Andante, in dem auch muntere, beweglichere Stimmungen sich nicht verstetigen. Die mehrstimmigen Passagen des Klavierparts bleiben in diesem nachdenklichen, gelassenen Modus, der jeden virtuosen Glanz vermeidet. Nichts als Prokofjews Musik und ihre fragilen Linien interessieren Fleisher, der sich dann zunächst auch zum Orchester hin verbeugt – und von Dirigent Dennis Russell Davies auf die Zuschauer hingewiesen wird.

Im minuziösen und feingliedrig ausgewogenen Klang der Neuen Philharmonie Westfalen war Fleishers verinnerlichte Spielart bestens aufgehoben. Aber das Orchester kann auch anders: Prokofjews Suite aus der Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ und Ravels furiose „Rhapsodie Espagnole“ rahmen die Klavierkonzerte.

Mit großem Schlagwerk bebt dann ein gigantischer Puls für Maurice Ravels spektakuläres Konzert für Klavier und Orchester (D-Dur). Nicholas Angelich taucht ab in den symphonischen Strudel seines Parts, dessen dichte Textur allerhöchste artistische Anforderungen stellt. Es klingt, als rasten hier zwei Hände über die Tasten. Mindestens. Eine großfortmatige Solo-Kadenz mündet wieder in das tiefe Glimmen des Beginns.

Die Jahrhunderthalle bot nicht den besten Rahmen für das Auftaktkonzert. Das ungefilterte Regen-Geprassel und der Geruch nach verstopftem Abfluss sind vielleicht dem Charme einer Industrie-Kathedrale zuzurechnen. Doch gibt es im Ruhrgebiet weniger störanfällige Konzerthallen und -häuser. Dort werden die meisten der noch folgenden 62 Festival-Konzerte gegeben.

Klavier-Festival Ruhr bis 12. Juli Tel. 01806/ 500803 - www.klavierfestival.de

Quelle: wa.de

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