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Eine „Hermansschlacht“ von Barbara Bürk und Clemens Sienknecht in Bochum

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Von: Ralf Stiftel

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Szene aus der „Hermannsschlacht“ in Bochum mit Clemens Sienknecht, Marius Huth, Michael Lippold und Veronika Nickl
Für ein Liedchen bleibt immer Zeit: Szene aus der „Hermannsschlacht“ in Bochum mit Clemens Sienknecht, Marius Huth, Michael Lippold und Veronika Nickl (von links). Foto: Birgit Hupfeld © Birgit Hupfeld

Bochum – Dingdong. Wenn es an der Haustür klingelt, wartet draußen das römische Heer. Sie werden in Hermanns Wohnzimmer eingelassen, behelmte Herren im besten Alter, die in der letzten Zeit keinen Hunger gelitten haben können, wenn man die gerundeten Bäuche, die strammen Waden unter den Röcken sieht. Zur Begrüßung stimmen sie teutsches Liedgut an, „O Täler weit o Höhen“. Dann setzen sie sich artig um den Esstisch und lassen sich von Thusnelda leckeren Kartoffelpapp servieren.

So kann man die „Hermannsschlacht“ natürlich auch zeigen. Kleists nationalbewusstes Drama wurde 1982 in der Inszenierung von Claus Peymann zu einem nationalen Theaterereignis. 40 Jahre später greift das Schauspielhaus Bochum den unbequemen, in der NS-Zeit propagandistisch ausgeschlachteten Klassiker wieder auf, der damals im dekonstruierenden Zugriff zum Aushängeschild, zum Signaturerfolg wurde. Barbara Bürk und Clemens Sienknecht dekonstruieren die Dekonstruktion noch einmal. Bei ihnen überblenden sich Bedeutungsebenen zu einem höchst unterhaltsamen, selbstreflexiven Spektakel. Schon der Titel deutet die Richtung: „Die Hermannsschlacht – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“.

Sienknecht, der auch als Musiker und Schauspieler mitwirkt, kündigt eine Show an. Ein deutscher Brauchtumsverein aus Texas inszeniert Kleists Klassiker eben im Wohnzimmer-Ambiente mit Sofa, Küchenzeile, Waschmaschine, Treppenlift und vielen Türen. Für jedes Detail aus Anke Grots opulent-kitschigem Bühnenbild wird sich eine Verwendung finden. Es ist Theater auf dem Theater in Steigerung, was ein flirrend intelligentes Spiel mit Klischees erlaubt. So wirft die Truppe bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den musikalischen Jingle „Hermaaaaannns… Schlacht!“ ein. Und wann immer sich eine Chance ergibt, unterbrechen die Laienakteure ihr Historiendrama für einen Werbespot, in dem sie das Panzerschloss von Burgwächter anpreisen oder eine Küchenmaschine für Smoothies von Elektro Schmitz.

Noch höher ist nur die Dichte an musikalischen Einlagen. Michael Lippold fasst als römischer Feldherr Varus seine Eitelkeit in ein beherztes „Hey Good Looking“. Und wenn er sich als Suevenfürst Marbod verraten fühlt, stimmt er an: „Why Did You Do It“. Veronika Nickl lässt als Thusnelda ihrem Fernweh freien Lauf mit „Wo meine Sonne scheint“. Bernd Rademacher als Hermann unterstreicht seinen Machismus mit dem Beatles-Klassiker „I Am The Walrus“. Und wenn das Römerheer durch den Schlamm im Teutoburger Wald irrt, also vor dem Sofa her in Richtung Küchenzeile, dann untermalt das der Doors-Song „Riders On The Storm“. Das Ensemble musiziert live, Sienknecht spielt Klavier, Friedrich Paravicini bedient Cello, E-Bass und weitere Instrumente, und wenn eine Trompete gebraucht wird, bläst Schauspieler Marius Huth souverän.

Schon der Kontrast zwischen dem spießigen Schauplatz und der Historie sorgt für ordentliche Humor-Fallhöhe. Damit man zwischen der schleudernden Waschmaschine und ploppenden Bierflaschen, zwischen spontanen Stayin-Alive-Disco-Choreografien und dem Türenklappen einer altmodischen Verwechslungsfarce überhaupt durchblickt, legt Rademacher ab und zu eine alte Platte auf, ein von sonorer Stimme vorgetragenes Hörstück über die Hermannsschlacht. Wenn da allerdings die „faulen, heimtückischen“ Germanen zu sehr kritisiert werden, schiebt er den Tonarm mit einem Kratzen ein Stück weiter. Man könnte meinen, die schräge Wandertruppe aus Michael Frayns Komödie „Der nackte Wahnsinn“ wäre hier zugange. Souverän wird das Handwerkszeug von Slapstick, Nonsens, Absurdität eingesetzt, um das nationale Pathos zu unterminieren.

Was die eindreiviertel, pausenlosen Stunden vollends zum Vergnügen macht, ist, dass die Akteure trotzdem noch Spielraum haben für Charakterisierungen. Bernd Rademacher zeichnet den Cheruskerfürst als wendigen, heimtückischen, charakterlosen Intriganten, der vor keiner Lüge, keinem Winkelzug, keinem Verrat zurückschreckt. Hinreißend die Szene, in der er dem Vater eines geschändeten Mädchens treuherzig sein Mitgefühl versichert und ihm im selben Atemzug aufträgt, die Leiche in 15 Stücke zu schneiden, damit jeder Germanenstamm etwas zum Empören hat. Und wie so oft wird der emotional aufgeheizte Originaltext Kleists gebrochen durch das Setting: Hermann spricht zu seinem Gefolgsmann Teuthold durch ein Schnurtelefon im 1970er-Design. Veronika Nickl lässt die Thusnelda schillern zwischen lüsterner Liebhaberin und braver Hausfrau, zwischen naiver Gattin und brutaler Rächerin. Sienknecht schlüpft in mehrere Rollen, mal Conferencier, mal der etwas beschränkte Römer Ventidius, der ganz den Reizen Thusneldas verfallen ist, und erfüllt nebenher seine nicht geringen musikalischen Pflichten. Auch der Rest des Ensembles ist mit sichtbarer Freude am Werk, die sich aufs Publikum überträgt. Vielleicht kein Klassiker von morgen, aber ein Stück mit sicherem Potenzial für einen Dauerbrenner im Repertoire.

28., 29.5.,

Tel. 0234/ 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

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