Eine Darstellung der Antike von Robin Lane Fox

Von Jörn Funke ▪ Hadrian (117–138) gilt als einer der besseren römischen Kaiser. Als Herrscher mit kulturellen Neigungen und politisch-militärischem Verstand. Sein 60-Millionen-Menschen-Reich hat er intensiv bereist, das klassische Griechenland bewundert. Der britische Historiker Robin Lane Fox machte den Kaiser deshalb zum Ausgangspunkt seiner Darstellung der Antike, einer fulminanten „Weltgeschichte von Homer bis Hadrian“.

Fox beschreibt, wie die Grundlagen unserer Zivilisation im Mittelmeerraum entstanden: Homers Texte und die ersten griechischen Stadtstaaten im 8. vorchristlichen Jahrhundert, die Blütezeiten Athens, den Aufstieg Spartas, Glanz und Untergang der Makedonier und die unaufhaltsame römische Expansion. Drei Themen durchziehen die Darstellung: Freiheit, Gerechtigkeit und Luxus. Was die antike Gesellschaften bewegte, klingt sehr vertraut.

Die Freiheit macht Fox als Kraftquelle des griechischen Stadtstaates, der Polis, aus. Motivierte Bürgersoldaten wehrten in den Perserkriegen den Angriff einer überlegenen Macht ab. Zu verteidigen galt es – zumindest in Athen – die Demokratie. Kleisthenes hatte die Volksherrschaft dort im Sommer 508 v. Chr. eingeführt. Fox spricht vom bleibenden Vermächtnis für die Welt. Dass Frauen im demokratischen Athen in Unfreiheit lebten, verschweigt er nicht; auch in bildender Kunst und Architektur habe sich die neue Regierungsform nicht niedergeschlagen.

100 Jahre später mutierte die Demokratie zum gelebten Klassenkampf; soziale Unruhen forderten tausende Tote. Die Alternativen zu Athen sehen aus heutiger Sicht aber nicht besser aus: In Spartas militärisch organisierter Gesellschaft der Gleichen waren einige doch „gleicher“, so Fox. Und unter der makedonischen Monarchie gab es Lichtgestalten wie Alexander den Großen, aber auch krasse Versager. Krieg wird zum zentralen Bestandteil des Monarchen-Images.

Fox bewundert die antike Welt. Das Athen des 4. Jahrhunderts habe keine neuen Prachtbauten gebraucht, schreibt er. Die Stadt hatte ja schon die besten. Die Kehrseite der antiken Gesellschaft wird dabei nicht beschönigt: Sklavenbesitz als fester Bestandteil von Wirtschaft und Gesellschaft. Und die aus heutiger Sicht abartigen römischen Zirkusspiele. Die Freiheit sei mit den Jahrhunderten zur leeren Parole verkommen, so Fox. Die Römer verkünden 196 v. Chr. die „Freiheit der Griechen“, um den eigenen Machtbereich zu erweitern. Den Aufstieg Roms schildert der Autor als Kampf der Römer mit sich selbst: Die Angst vor dem Luxus stand gegen die Faszination für die reiche griechische Kultur. Und: Schon im 3. vorchristlichen Jahrhundert hätten die meisten römischen Kriege wirtschaftliche Hintergründe gehabt.

Spannend wird es bei Fox nicht nur, wenn es um Politik geht. Der Autor schildert das Alltagsleben der Antike und zeigt auch ein erstaunliches Interesse an Bettgeschichten. Skurril muten die Versuche der römischen Kaiser an, die Fortpflanzung der gesellschaftlichen Eliten gesetzlich zu regeln. Und rührend ist das Liebesleben der attischen Staatsmanns Perikles: Er sei der erste Mann der Geschichte, schreibt Fox, von dem berichtet werde, er habe der Geliebten morgens und abends einen leidenschaftlichen Kuss gegeben.

Robin Lane Fox: Die klassische Welt. Eine Weltgeschichte von Homer bis Hadrian. Klett-Cotta: Stuttgart. 730 S., 34,90 Euro.

Quelle: wa.de

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