Eine Biografie über den „letzten Krupp“

Von Jörn Funke Es hätte ein Leben wie im Bilderbuch sein können: Alleinerbe eines Industrieimperiums, fabelhaftes Aussehen, beste Schulen – Arndt von Bohlen und Halbach (1938-1986) hatte fast alles, was man sich im Nachkriegsdeutschland wünschen konnte. Doch in der Chefetage der Krupp-Werke kam er nie an, „der letzte Krupp“ verbrachte sein Leben auf Partys und Motoryachten. Der Journalist Hanns-Bruno Kammertöns hat ihm eine Biographie gewidmet.

Es ist die Geschichte vom Untergang einer Dynastie. Die Eltern trennen sich früh, Großmutter Bertha Krupp (1886–1957) treibt einen Keil zwischen ihren Sohn Alfried (1907–1967) und die ungeliebte Schwiegertochter Anneliese (1909–1998). Der kleine Arndt bleibt bei seiner Mutter, wächst in österreichischen und schweizerischen Internaten auf, sieht den Vater nur im Gefängnis – die Alliierten verurteilen ihn als Kriegsverbrecher, schließlich haben die Krupps das nationalsozialistische Regime unterstützt.

In die Villa Hügel kommt der Junge nur selten. Der Umgang dort ist eisig. Naturwissenschaften und Technik, die im Hause Krupp gefragt sind, sind nicht Arndts Sache, Theater und Kunst sind seine Welt. Auch sportliche Aktivitäten, die das Internatsleben ausmachen, begeistern ihn nicht; er bleibt der klassische Außenseiter. Das Verhältnis zum Vater bleibt kühl: Wo andere Väter ihre Söhen in den Arm nehmen, reicht Alfried Arndt die Hand – wie einem Geschäftspartner. Berthold Beitz (1913–2013), der seit 1953 Generaldirektor bei Krupp ist, wird für Arndt zum „Ersatzvater“. Er kann Arndt 1966 den Erbverzicht nahelegen, als die Firma umgebaut werden muss. Alfried war ein Jahr später tot.

Hatte Arndt zuvor eher zaghaft Aufgaben für den Konzern übernommen, kann er sich nun dem Privatleben widmen. Er zieht nach München, wohnt im Palais eines ehemaligen Papstes, kauft sich eine Motoryacht an der Cote d‘Azur und bereist die Welt. Eigentlich eher Männern zugetan, heiratet er 1969 eine österreichische Prinzessin. Die Ehe hält bis an sein Lebensende. Von der Presse als „reichster Frührenter der Republik“ verhöhnt, verschleudert Arndt sein Vermögen auf geradezu lässige Weise. Er stirbt in einem Münchner Krankenhaus – allein, wie sein Vater.

So spannend Arndts Leben mit all seinen Höhen und Tiefen war, so schal ist Kammertöns‘ Buch. Fast die Hälfte der Darstellung widmet der Autor der allgemeinen Krupp-Geschichte, die anderorts besser nachzulesen ist. Als Arndt nach gut 100 Seiten erstmals auftaucht, erzählt der Autor dessen Vita in unangenehmem Plauderton. Dass er manches von seinen Protagonisten selbst erfahren hat, streut er gelegentlich in den Text ein, weitere Nachweise bleibt er allerdings schuldig. An den entscheidenden Stellen bleibt die Darstellung seltsam blass: Dass Berthold Beitz den Erben bei einem ausgedehnten Abendessen zum Verzicht drängte, weiß Kammertöns. Warum der junge Mann die Erbschaft ausschlagen sollte, und warum er sich darauf einließ, erklärt der Autor nicht.

Hanns-Bruno Kammertöns: Der letzte Krupp. Arndt von Bohlen und Halbach: Das Ende einer Dynastie. Klartext-Verlag: Essen. 247 S., 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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