„Ein Sommernachtstraum“ am Theater Oberhausen

+
Spritzende Sinnesverwirrung: Szene aus dem „Sommernachtstraum“ mit Benjamin Morik, Martin Hohner, Manja Kuhl und Michael Golab. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Es geht um Sex in Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“. Warum also soll der Elfenkönig Oberon nicht so daherkommen: im weiten grünen Rock, mit einem Bustier, dessen Titten vorstechen wie Stierhörner, mit schwarzer Langhaarperücke, als Mischung aus Frank'n'furter und Musical-Tarzan? Warum soll er nicht mit seinem Diener Puck balztanzen und rote Säfte von Mund zu Mund tauschen? Es geht zur Sache in Corinna Sommerhäusers Inszenierung des Klassikers am Theater Oberhausen, und mit visuellen Reizen wird nicht gegeizt.

Am Anfang sieht das noch sehr brav aus: Weiß gedeckte Tische und livrierte Kellner verweisen auf die Hochzeitsvorbereitungen des Herzogs von Athen Theseus (Michael Witte) und seiner baldigen Gattin Hippolyta (Anja Schweitzer). Das Reviertheater muss sparen. Darum arbeitet hier eine Minimalbesetzung mit Vollgas. Klaus Zwick als Egeus ist nicht nur der strenge Vater, der seiner Tochter Hermia (Angela Falkenhan) partout nicht den geliebten Lysander (Martin Hohner), sondern unbedingt Demetrius (Michael Golab) zum Mann geben will, der wiederum von Helena (Manja Kuhl) begehrt wird. Egeus muss auch noch bei den Handwerkern aushelfen und statt des Bälgenflickers Flaut im Possenspiel die Thisbe spielen. Damit genügen dann drei Handwerker, die mal kellnern, später auch noch die Elfen verkörpern.

Ein Platzregen robust riechenden Mulchs und ein Lichtwechsel verwandeln die anfangs so ordentliche Bühne Tobias Schuncks in den Athener Zauberwald. Nun wird’s glitschig. Wir kommen in die Feuchtgebiete der Natur und der Fantasie. Nun mutiert Wittes Theseus zur Macho-Domina. Und der grauhäutige Puck (Benjamin Morik) muss seinen Lüsten dienen mit einem Bewegungsrepertoire, das von schmierigen Filmfiguren wie Gollum herkommt. Die braven Bürgerkinder passen sich ihrer Umgebung an und lassen Kleid und Anzug fallen. Die irrlaufenden Gefühle, vom Drogenblümchen angestachelt, führen zu kollektiven Schlammringszenen, bei denen der Mulch und eimerweise ausgekübelte, dann wieder aus Plastikflaschen ejakulierte Farbe für die nötige Schmierung sorgen.

Den armen Zettel (Torsten Bauer) verwandelt Puck nicht so sehr am Haupt in ein Eselmonster. Da gibt’s nur ein paar Extraborsten auf die Wangen. Sondern am anderen Ende. Seiner Hose entwächst ein meterlanger Schlauch, mit dem die vom fatalen Blütensaft narkotisierte Titania eindeutig hantiert. Später werden noch die Elfen rangenommen, die von Kostümbildnerin Marie Roth zauberhaft in Hausfrauenkittel und Gummistiefel gesteckt wurden und Pappmaché-Ballons als Kopf tragen.

Es geht durchaus rund bei dieser Shakespeare-Deutung, so sehr, dass das finale Rüpelspiel geradezu als feinsinniges Charaktertheater erscheint. Im Zauberwald vergisst die junge Regisseurin offenbar, dass sie eigentlich das Macho-Gehabe der Kerle bloßstellen will. In der Rahmenhandlung zwischen Theseus und Hippolyta wird das schon deutlich. Da zeigt er den selbstgefälligen Hausherrn und sie die stoisch-angewiderte Dulderin. Aber über den polysexuellen Spielchen der Waldbewohner denkt man nicht mehr an solche moralischen Nuancen. Zu schade auch, dass die Sprachkunst des Autors, die noch jede Übersetzung überstand, bei diesem Schütt- und Aktionsgewese kaum zur Geltung kommt.

Das kleine Oberhausener Ensemble ist extrem gefordert an diesem Abend und beweist einmal mehr seine Qualitäten. Die Abwege der Regie freilich machen es den Darstellern und dem Publikum unnötig schwer mit Shakespeare. Man hat seine amüsanten Momente. Aber der Zauber dieser Mittsommernacht müffelt – nicht nur wegen des Mulcharomas – manchmal faul.

25.9., 3., 9., 24., 31.10.,

Tel. 0208/85 78 184

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare