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Edward Hopper wird im Dresdener Zwinger thematisiert

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Von: Achim Lettmann

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Das Licht am Morgen fängt Edward Hopper mit dem Gemälde „Morning Sun“ (1952) ein.
Das Licht am Morgen fängt Edward Hopper mit dem Gemälde „Morning Sun“ (1952) ein. In Dresden fragt eine Ausstellung, woher der US-Künstler die Ausdruckskraft seiner Figuren genommen hat. © Columbus Museum of Art

Woher hat der US-Maler Edward Hopper seine lichtvollen Figurenbilder? Eine Kabinettausstellung in Dresden zeigt Bezüge zu niederländischen Meistern wie Johannes Vermeer.

Dresden – Es gibt keine Gemälde von Edward Hopper in den öffentlichen Sammlungen Europas. Für die Ausstellung „Edward Hopper. Die innere und die äußere Welt“ hat sich das Columbus Museum of Art bereit erklärt, das Bild „Morning Sun“ (1952) nach Dresden auszuleihen. Das Institut in Columbus (Ohio) besitzt ein Hauptwerk. Hopper war stilbildend für den Amerikanischen Realismus. Er malte, um das Unbewusste auszudrücken. Farbe war ihm ein Hilfsmittel, abstrakt wollte er nicht sein. Nur 366 Ölgemälde umfasst sein Werk. Die Anziehungskraft seiner Landschaften, Menschen- und Stadtbilder ist ungebrochen. Die letzte umfassende Ausstellung in Europa war 2004/05 zu sehen. In London schauten sich 420 000 Interessierte 70 Bilder an, in Köln waren es 358 000.

In Dresden wird nun eine neue These zum Werk Hoppers vorgestellt. Wie hat der Künstler (1882–1967) zu seinen Figuren gefunden, die wie im Bild „Morning Sun“ oft gedankenversunken in einem Licht sitzen, das den Menschen anstrahlt, ohne sein Begehren zu erhellen. Kunsthistoriker Stephan Koja erinnert an drei Europareisen Hoppers, der 1906/07, 1909 und 1910 unter anderem in London, Amsterdam, Haarlem, Brüssel, Paris und Berlin war. Hopper hatte Vorfahren aus den Niederlanden. Zu Rembrandts „Nachtwache“ (1642) schrieb er: „Das Wunderbarste, was ich von ihm gesehen habe, es übersteigt das Begreifbare in seiner Realität – es kommt fast einer Täuschung gleich.“ Wichtig war ihm die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts. Auch in New York konnte er seine altmeisterlichen Studien im Metropolitan Museum of Art und ab 1935 in der Frick Collection fortführen.

In Dresden ist Johannes Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ (1657/59) in einer Kopie von 1910 zu sehen. Das Licht fällt auf die Briefleserin, die aus einer seitlichen Perspektive zu sehen ist. Sie liest konzentriert – mit introvertierter Körperhaltung. Das Licht, das durchs Fenster fällt, kann ihre Gedanken nicht verbildlichen, aber es dokumentiert die Wirklichkeit ihres Geistes, ihrer Verfasstheit. Vermeers Kompositionsschema nutzt Hopper in „Morning Sun“, wieder kommt das Licht von außen und macht die innere Welt der Frau als Reflexionsraum spürbar. Beide Bilder vermitteln ein Gefühl der Zeitlosigkeit, obwohl ihre Interieurs ganz verschieden sind.

Stephan Koja ist Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden. Er zeigt weitere Beispiele, die Hoppers Bildfindung belegen sollen. Wie Frans van Mieris’ „Die Alte mit dem Blumentopf“ (um 1650/55). In dem Genrebild sitzt eine Frau hinter einem Keramiktopf, berührt eine Pflanze und ist ganz bei sich. In „Maria bei der Verkündigung“ (um 1500), einem Gemälde der Ferrareser Schule (italienische Frührenaissance), ist eine betende Maria mit Buch zu sehen. Eine Taube symbolisiert den Heiligen Geist, der die Gottesmutter erreicht. So empfängt sie die himmlische Botschaft, die ihr Lebenssinn und Erfüllung zugleich wird.

Hopper selbst zeigt den Menschen auf seinen Bildern immer wieder in Erwartung. Seine Figuren scheinen sich nach Sinngebung und Erlösung zu sehnen. Das Licht, das von außen kommt, schafft diese spirituelle Dimension. Wie lässt sich die Leere ausfüllen?

Hoppers Thema war die Einsamkeit. Seine Figuren sind rätselhaft, wenn in „Nighthawks“ zwei Nachtschwärmer nicht ins Gespräch finden. Immer wieder stimmt seine gegenständliche Kunst Geschichten an, die nicht auserzählt werden. Hopper befragte mit solchen Bildern auch sein eigenes Ich. Oft war er allein in seinem Leben. Er wollte mit seiner Kunst vermitteln, dass die Einsamkeit ein wesentlicher Teil des Menschseins ist. Selbst zu seinem letzten Bild, das er 1963 schuf („Sun in An Empty Room“) sagte er: „Ich bin auf der Suche nach mir.“

Die Kabinettausstellung in der Gemäldegalerie der Alten Meister im Dresdener Zwinger dokumentiert auch Hoppers Unbehagen an der Welt. Er präsentierte mit der Radierung „The Catboat“ (1922) zwei muskulöse Männer, die im Heck eines Segelschiffs sitzen und entlang der Küste fahren. Im Hintergrund ragen dunkle Hügel auf, die die Aussicht verstellen und ein bedrückendes Gefühl erzeugen. Das offene Meer fehlt. In „Night Shadows“ (1921) blickte Hopper auf eine Straße, wo ein Mann zu sehen ist. Vor ihm erhebt sich ein Schatten dämonisch an der Häuserfassade. Ein weiteres Bildbeispiel ist in Dresden „American Landscape“ (1920). Hier schreiten Kühe über Bahngleise, die die Landschaft horizontal zerschneiden und das Bild teilen. Hoppers Befürchtungen zielten auf eine industrialisierte US-Gesellschaft, die die Werte eines weiten unbestellten Amerikas gefährden.

Als Hoppers Bilder fälschlicherweise als Synonym für die amerikanische Seele und Gesinnung interpretiert wurden, profitierte der Künstler in den 30/40er Jahren kommerziell von einer nationalistischen Welle. Nachdem das Museum of Modern Art und das Whitney Museum of American Art in New York Bilder von Hopper erwarben, folgten Kunstinstitute, Sammler und Privatleute. Das Interesse an seinen Bilder entwickelte sich – auch in Europa bis heute.

Bis 31.7.; di – so 10 – 18 Uhr, Zur Ausstellung erscheint die Publikation „Stephan Koja (Hg.): Edward Hopper und die Alten Meister – ein neuer Blick auf den amerikanischen Künstler“. Hirmer Verlag, München. 164 S., 145 Abb. in Farbe, 29,90

Euro. Ab August lieferbar.

www.skd.museum

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