Eduardo Chillida im Picasso Museum Münster: Retrospektive des baskischen Künstlers

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Massiv und offen: „Das Haus von Johann Sebastian Bach“ (1981) hat Eduardo Chillida aus Corten-Stahl geschaffen. Die Skulptur kommt aus Madrid nach Münster ins Picasso Museum. ▪astián / VG Bild-Kunst

Von Achim Lettmann ▪ MÜNSTER–Die Skulpturen von Eduardo Chillida lassen einen immer ruhig und andächtig werden. – Drei Gewölbe aus dicken Stahlplatten sind einem Kirchenbau ähnlich zusammen gesetzt.

Die halbrunde Form ist aufgeschnitten und Materialteile streben nach oben, als ob sie einen Haken im Himmel suchten. Eduardo Chillida nennt seine offene wie kompakte Arbeit „Das Haus von Johann Sebastian Bach“ (1981). Der baskische Künstler zieht Parallelen zwischen Musik und Bildhauerei. Die energievolle Bewegung, die von der Skulptur ausgeht, symbolisiert für Chillida die Kraft und Varianz in Bachs Kompositionen. Der Bildhauer öffnet den Raum der Skulptur, um die Wirkungsmacht der Bachschen Musik sichtbar zu machen. Es ist die „Macht, sich in Zeit und Raum auszubreiten“, sagt Chillida selbst.

Diese intensiven Eindrücke, die Demut und Erkenntnis einfassen, sind ab Samstag im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zu erleben. „Hommage an Chillida“ ist eine große Retrospektive, die 130 Skulpturen aus Cortenstahl, Keramik, Alabaster und Schamotte zeigt, sowie Zeichnungen, Reliefs, Collagen und Künstlerbücher ausstellt. Wann war der große Künstler, der in Spanien nach Picasso und Miró neue Maßstäbe setzte, so zu studieren – sinnfällig und akurat arrangiert.

Sein ältester Sohn, Ignacio Chillida, ist seit Montag in Münster und hat die Ausstellung kuratiert. Zwar ist die Fundatio Chillida im Baskenland derzeit geschlossen, aber Ignacio beteuert, dass das Werk seines Vaters weltweit ausgestellt und vertreten wird. Münster macht im zehnten Todesjahr Chillidas (1924– 2002) den Anfang eines dichten Festprogramms. Die nächsten Ausstellungen starten in Südkorea, Kolumbien, Peru und Brasilien. Nordamerika werde folgen, sagt Ignacio, der noch sieben Geschwister hat. Bei der Nachlassverwaltung seien sich alle einig.

In Deutschland sind die Werke Chillidas besser repräsentiert als in Spanien selbst. Zehn Großskulpturen finden sich hierzulande. Die erste, die im öffentlichen Raum 1971 aufgestellt wurde, ist in Düsseldorf vor dem Zwei-Scheiben-Haus zu sehen. Die Skulptur „Berlin“ steht vor dem Kanzleramt in der Hauptstadt, und in Münster ist „Toleranz durch Dialog“ am Rathaus zu sehen. Chillida hatte sich mit der deutschen Romantik und der mittelalterlichen Mystik auseinander gesetzt. „Er spricht kein Deutsch“, hatte der Künstler gesagt, „aber seine Skulpturen sprechen Deutsch.“ Es gibt eine besondere Beziehung zu Deutschland und zur nordeuropäischen Geisteshaltung. Im zweiten Stock des Hauses findet sich ein Künstlerbuch, das den Austausch von Chillida mit Martin Heidegger belegt. Es ist nur Din A5 groß, weil der Philosoph ausschließlich in kleinen Heften schrieb und arbeitete. Der Künstler kam dieser Arbeitsweise nach.

Chillida hat immer eigene Positionen gefunden. Schon als Student maß er dem Zuspruch seiner Professoren keine Bedeutung bei. Weil ihm die Zeichnungen leicht von der Hand gingen, arbeitete er mit der linken weiter; so strengte er seinen Kopf mehr an. „Kunst muss aus dem Kopf kommen“, ist ein Grundsatz des Basken. Als sein Erfolg in den 60er Jahren zunahm, bediente er nicht den Kunstmarkt. Es gibt keine Grafiken und keine Auflagen zu seinen plastischen Formen.

In Münster lässt sich die schrittweise Werkentwicklung verfolgen. Wie Chillida 1951 zurück ins Baskenland ging und offene Eisenskulpturen entwarf, die von bäuerlichem Gerät inspiriert waren. Wie das Metall massiver wurde, die Formen expressiver, und seine Arbeiten einen abstrakten Klang aus Raum und Material bildeten. „Locmariaquer IX“ (1989) ist so eine Formerfindung, die breite gebogene Stahlbänder kompakt zusammenfügt, wie einen fremdartigen Korpus: massiv, gedrungen, rätselhaft. – Es wird wieder still.

Die „Windkämme von San Sebastian“ zählen zu den Hauptwerken Chillidas. Sie wurden 1977 in die Bucht seiner Heimatstadt eingelassen, als Hommage an die Naturgewalten, an San Sebastian und das Baskenland. In Münster sind acht kleine Variationen zu sehen. Es gibt insgesamt 48, die in 25 Jahren entstanden sind. Chillida verfolgte gern Themen über eine lange Zeit.

Erst sehr spät hat der Künstler mit Ton gearbeitet. Die traditionelle spanische Keramik habe ihn als Studenten erschreckt, erzählt der Kurator. Eine Töpferscheibe kam für Chillida nicht in Frage. Das Gros der 500 Tonarbeiten entstand in den 80er Jahren. Und beeindruckend ist, wie er seine Formen mit dem porigen Material des Tons kombinierte. „Lurra 39“ (1980) und „Oxyd 35“ (1979) sind materialmassive Zeichnungen. Mit Alabaster arbeitete Chillida seit 1963. Ihm gefiel die Lichthaltigkeit des Steins. Einige zarte Collagen der 70/80er Jahre sind noch zu sehen, und feine Papiere („Gravitation“), die die Formen der schweren Metallplastiken – Chillidas Hauptarbeit – leicht und spielerisch variieren.

Die Schau

Eine zentrale Position der Bildhauerei des 20. Jahrhunderts chronologisch präsentiert.

Hommage an Chillida. Retrospektive im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster. Geöffnet Samstag, 28. Januar bis 22. April, di-so 10–18 Uhr; Katalog im Hirmer-Verlag 29,80 Euro; Tel. 0251 / 414 4710; http://www.kunstmuseum-

picasso-muenster.de

Quelle: wa.de

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