Edita Gruberova in der Essener Philharmonie

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Große Stimme: Edita Gruberova singt in der Essener Philharmonie – Andriy Yurkevych dirigiert. ▪

Von Karsten Mark ▪ ESSENDie Szene erinnert an eine jener Filmkomödien, in denen Eltern und Kinder durch einen Zauber plötzlich die Rollen tauschen: Damen im gehobenen Alter stehen da völlig verzückt in ihrer Loge, klatschen mit leuchtenden Augen in die Hände und haben vor sich ein offensichtlich selbst gemaltes Transparent angebracht: „Edita – Simply the Best“, steht darauf.

Etwas unterhalb der Loge hat ein älterer Herr im dunklen Anzug die Contenance verloren. Nun steht er in voller Größe mit seinen Lackschuhen auf dem Sitz und richtet seine altmodische kleine Kamera mit ausgestrecktem Arm über die Köpfe der Jubelnden hinweg zur Bühne aus. Die Philharmonie Essen hat schon viele umjubelte Abende erlebt, doch so viel Ekstase war selten.

Auslöser ist an diesem Abend kein Popstar, sondern eine „Primadonna assoluta“, wenn nicht die „Primadonna assoluta“ unserer Zeit. Edita Gruberova wurde nicht nur oft mit Maria Callas und Joan Sutherland in einem Atemzug genannt, ihr wurde mitunter sogar bescheinigt, die beiden Legenden in ihrer Ausdruckskraft übertroffen zu haben.

Schnell sei sie als junge Sopranistin aus der Slowakei zu Weltruhm aufgestiegen, liest man häufig über sie – was nur teilweise stimmt. Tatsächlich blieb auch der überaus talentierten Sängerin die Ochsentour durch viele kleine und kleinste Soubretten-Partien als Anfängerin nicht erspart. Immerhin sang sie in jungen Jahren bereits in Wien. Dort als Ausnahmetalent wahrgenommen und anerkannt zu werden, musste sie sich allerdings erkämpfen.

Nun ist die Gruberova 65 und beteuert, sie sei froh, die großen Partien nicht zu früh bekommen zu haben. Und in der Tat hat sie etwa einer Callas voraus, dass sie ihre Stimme nicht vorzeitig verschlissen hat. Edita Gruberova hat sich behutsamer entwickelt, hat immer akzeptiert, dass ihre Stimme sich mit dem Alter verändert und geht ganz offen damit um, dass sie noch heute professionelles Training in Anspruch nimmt, um sich darauf einzustellen. Das Bewusstsein für den eigenen Körper ist bei ihr hörbar und der Eindruck keineswegs, eine Sängerin zu hören, die ihre beste Zeit hinter sich hat. Die Gruberova hat ihre dramatische Kraft und die volle Kontrolle bis in die kräftezehrenden Spitzentöne bewahrt und ihr Timbre entwickelt.

Kämpfen muss sie nun trotzdem wieder. Ausgerechnet ihre liebste Wirkungsstätte, die Bayrische Staatsoper in München, soll sie aufs Abstellgleis geschoben haben. Keine zwei Monate ist es her, da machte die Sängerin ihrem Unmut über ausbleibende Rollenangebote Luft und verkündete, die Staatsoper im Sommer 2014 zu verlassen. Für eine Primadonna alten Stils, also ohne herausragende darstellerischen Qualitäten, scheint die Zeit auf den Opernbühnen abzulaufen – egal wie überzeugend auch die Stimme ist.

Im Konzertsaal spielt all das keine Rolle. Hier zählt nur die Stimme. Und damit begeistert die Gruberova nach wie vor. Bereits nach der Eröffnung mit „Le rossignol et la rose“ aus Saint-Saëns‘ „Parysatis“ schallen die ersten „Bravo“-Rufe durch den zwar nicht ausverkauften, aber doch gut gefüllten Saal. Nach dem zweiten Auftritt mit zwei Walzerliedern von Gounod gibt es unter den Fans dann kaum noch ein Halten. Hier bekommt die Gruberova noch die Bestätigung, die ihr mancher Intendant verweigert. Es ist zunächst ein rein französischer Abend in Essen. Dirigent Andriy Yurkevych und das an seinem 60. Ensemblegeburtstag überaus lustvoll und klangschön aufspielende Münchener Rundfunkorchester steuern noch Sätze aus einer Orchestersuite von Jules Massenet bei. Erst im zweiten Teil triumphiert die Primadonna mit ihren Belacanto-Paradepartien, der Marie aus Donizettis „La Fille du régiment“ und der Amina aus Bellinis „La Sonnambula“.

Edita Gruberova präsentiert, fast 30 Jahre nach ihrer gleichnamigen Schallplatte, noch immer „Die Kunst der Koloratur“, eine Kunst, die auch weniger Belcanto-Begeisterte tief beeindrucken muss. Dabei ist sie am Ende auch noch für eine Überraschung gut. Als zweite Zugabe singt die Gruberova das Lied der Kunigunde aus Bernsteins operettenhaftem Musical „Candide“. Das fällt eher aus dem Rahmen der Publikumserwartung. Doch der Jubel kennt keine Grenzen.

Quelle: wa.de

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