Edita Gruberova brilliert als Lucrezia Borgia in Dortmund

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Der Name der Heldin bürgt für wohliges Gruseln: Lucrezia Borgia, Tochter Papst Alexanders IV., Schwester des berüchtigten Condottiere von Italien, des Feldherrn Cesare Borgia. Der Name sprach, das wusste Gaetano Donizetti, von Giftmischerei, Konkubinat, Mord. Seine „Lucrezia Borgia“ (1833) machten er und sein Librettist Felice Romani – sehr nah an einem Drama von Victor Hugo – zu einer zerrissenen Geschöpf, gefangen in der infamen Tradition ihrer Familie, einer Giftmischerin mit einem wunden Punkt im Herzen: ihrem Sohn Gennaro. Sie wird zu seiner Mörderin.

Im Rahmen des Festivals „Klangvokal“ war die Oper konzertant im Konzerthaus Dortmund zu erleben. Die Titelpartie sang keine geringere als Edita Gruberova. Erst 2009 hat sie an der Staatsoper München ihr Rollendebut gegeben – mit 62 Jahren. Und auch in Dortmund sang die Slowakin hell, klar, leicht, präsent, mit Kraft und Kontrolle vom wildesten Ausbruch bis zu den klagenden Herzenstönen, mit denen Donizetti die Mutterliebe Lucrezias zu Gennaro malt. Nicht jeder Spitzenton spricht so leicht an wie bei einer jungen Sängerin – Gruberova singt seit mehr als 40 Jahren auf der Bühne –, doch ihre Agilität, ihre Attacke sind umwerfend; sie warf sich in ihre Rolle und bewahrte dabei eine bewundernswerte Kontrolle über eine breite Palette an Stilmitteln und Ausdrucksfähigkeit. Die knapp 20 Minuten Schlussapplaus galten vor allem ihr.

Neben Gruberova sang José Bros den Gennaro. Er erlebte 1992 am Teatro Liceu in Barcelona an der Seite von Gruberova als Percy in Donizettis „Anna Bolena“ seinen Durchbruch im Belcanto-Fach. Er hat einen sehr hell timbrierten Tenor, ist sicher in der Höhe, wenn auch in den Spitzentönen zu viel Metall liegt – da wirkte er angestrengt. Er und Gruberova zogen im zweiten Akt alle Register: von der Verachtung, die Gennaro für die Mörderin seiner Freunde hegt, bis zur Resignation vor dem Tod. Auch Gennaros Szenen mit Orsini gelangen.

Silvia Tro Santafé war ein sehr guter Orsini mit ihrem außergewöhnlich dunkel leuchtenden, vielleicht etwas einseitigen Mezzosopran. Sie glänzte im Prolog mit der Prophezeihungs-Szene, in der Orsini und Gennaro ein gemeinsamer Tod vorausgesagt wird, und natürlich im Trinklied, in dem sie den Schauereffekt vor allem mit noch dunklerer Bruststimme erzeugte. Franco Vassallo maskierte als Herzog Alfonso sein böses Spiel hinter Liebenswürdigkeit. Vassallo griff selten auf die Kraft seines großen Bariton zurück. Er sang seine Partie geschmeidig und fein nuanciert, besonders in den Szenen mit dem Intriganten Rustighello (Thomas Blondelle mit einem herrlich bösen Schurkenportrait).

Das Ensemble war homogen; besonders hervor stach der junge Tansel Azeybek, der bis zur Saison 2008/09 an der Oper Dortmund engagiert war. Inzwischen singt er in Bonn. Seine Stimme ist weiter gereift, in der Partie des Vitellozzo berückte er mit wunderschönem Timbre.

Der ukrainische Dirigent Andriy Yurkevych leitete das WDR-Rundfunkorchester Köln. Er trieb das Geschehen voran, dirigierte auf Punkt, ingesamt aber fehlte Inspiration. So wirkten die Generalpausen, mit denen Donizetti die Konfrontation zwischen Lucrezia und ihrem Mann Don Alfonso akzentuiert, unter Yurkevych recht gleichgültig. Hinzu kamen Unkonzentriertheiten im Orchester, besonders das Blech erlaubte sich einige grobe Schnitzer. Der Chor der Oper Köln sang machtvoll, etwas mehr Deutlichkeit hätte gut getan.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare