Edgar Selge im „zerbrochnen Krug“ bei den Ruhrfestspielen

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Komödiantisch: Edgar Selge als Dorfrichter Adam in Recklinghausen. ▪

Von Andreas Sträter ▪ RECKLINGHAUSEN–Edgar Selge turnt auf der Theke vor der Publikumsgarderobe. Er blutet aus der Nase, aus der Schläfe und aus dem Kopf. Splitterfasernackt steht er da, im Adamskostüm. Er hat sich selbst entblößt. Schlank wie Selge selbst hat Regisseur Jan Boss das Stück „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen in einer Kooperation mit dem Gorki-Theater Berlin inszeniert. Der Schauspieler Edgar Selge, bekannt aus der ARD-Krimireihe „Polizeiruf 110“, stellt die Komödie und nicht das Tragische des Stoffes in den Vordergrund.

Bosses Inszenierung führt das Publikum vom Foyer direkt in die Gerichtsverhandlung und folgt damit der Prozessstruktur des Lustspiels. Die Bühne hat das Gepräge eines Fernsehgerichts und noch mehr eines verstaubten Volkstheaters. Gerade noch ist eine wilde Fete gefeiert worden: Leere Sektgläser, Girlanden, Luftballons, eine Diskokugel. Mit Sauermiene und bandagiertem Zeigefinger betritt Gerichtsrat Walter (Jean-Pierre Cornu) aus Utrecht dieses Durcheinander. Er ist die personifizierte Strenge aus der Großstadt, gekommen zur Kontrolle in der Provinz. Cornu bricht das Böse seiner Figur immer wieder – und grinst und lacht und hüpft.

Rein äußerlich transportiert Jan Bosse das Stück in die Gegenwart. Die Leute in Huisum tragen Kleidung von heute, die dörfliche Gerichtsstube ist ein Multifunktionsraum. Marthe Rull (Franziska Walser) bringt den zerbrochnen Krug in einer Kaufhof-Tüte vor Gericht. Hier ist nichts mehr zu retten, das Gefäß liegt in Scherben. Die Motive dieser Keramik erläutert sie mit einem Folien-Projektor. Das sieht ziemlich seltsam aus, ist aber lustig. „Immerhin geht‘s hier um unsere Kultur“, wehrt sie sich, als ihr der Gerichtsrat das Mikrofon abdrehen will.

Die Aufführung schielt nach dem Publikum und schmeißt sich durchaus ran. Da wird einem Zuschauer der Mantel zurückgegeben, den sich Adam zu Beginn im Foyer geliehen hat, um seine Blöße zu decken. Das Publikum lässt sich beinahe in eine Pause schicken, in die es natürlich nicht gehen darf. Das Ende ist folgerichtig nicht das Ende. Bevor die Schauspieler erneut aus ihrer Rolle fallen, verneigen sich die ersten. Der Vorhang ist längst schon dicht. Bosse verwirrt das Publikum, viele können damit aber nichts anfangen. Im gesamten Stück stellt er die Eindeutigkeit infrage. Nichts ist so, wie es an der Oberfläche scheint.

Edgar Selge spielt einen Staatsdiener, der zu Nötigung, Bestechung und Vertuschung fähig ist. Er müsste sich selbst überführen, um sein Amt zu behalten. Bosse stellt diesen Gewissenskonflikt deutlich heraus. Selge flüchtet sich in Ernsthaftigkeit und Beherrschung. Franziska Walser ist eine robuste und gehörig penetrante Marthe Rull. Matti Krause und Britta Hammelstein verkörpern die jungen Verliebten Ruprecht und Eve mit heutigem Trotz und waschechtem Schmerz.

„Der zerbrochne Krug“ in Recklinghausen ist ein deftiges Update über Provinzfilz, Obrigkeitshörigkeit und Selbstentblößung. Ein bisschen schlanker als andere Inszenierungen des Stoffes. Nicht nur wegen eines nackten Edgar Selges.

20., 21., 22., 23.5., Tel. 02361/92 180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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