E-Mails in Buchform: „Lieber Niels“ von Matthias Zschokke

Solche Freundschaften findet man nicht mehr oft. Der Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke, Jahrgang 1954, seit 1980 in Berlin lebend, wechselt mit dem Kölner Kritiker und Literaturwissenschaftler Niels Höpfner seit Oktober 2002 fast täglich mindestens eine E-Mail. Eine „Lebensfreundschaft“, meint Höpfner, die sich in extrem dichter Kommunikation manifestiert. Daraus wurde der erste Mail-Band des Internet-Zeitalters. Von Ralf Stiftel

Aber wer soll eine Sammlung von Elektro-Post lesen, die fast 800 Seiten füllt? Kulturpessimisten klagen über den Verfall überlieferter Formen. Der Brief, sagen sie, sterbe. Künftig wird es kaum noch Briefeditionen geben. An die Stelle tritt der Mail-Band mit verwandten Inhalten (die Antworten Höpfners fehlen, lassen sich aber meistens erschließen).

Mailen ist flüchtig. Man liest in „Lieber Niels“ wie in einem Tagebuch. Manches erscheint trivial, wie die Hinweise auf Alkoholkonsum, zum Beispiel mit Dieter Laser beim Italiener: „Vier Flaschen Wein. Endlich mal: mit ASS 500 ins Bett. Tatsächlich heute nur wenig Kopfweh.“

Man hüte sich vor Hochmut. Zschokke öffnet seinen Alltag, man bekommt einen Eindruck von der Existenz eines Kopfarbeiters, der mal erheitert, oft bestürzt. Geldsorgen nehmen keinen kleinen Platz ein. Auch ein relativ erfolgreicher Schriftsteller wie Zschokke, der Literaturpreise gewonnen hat, dessen Bücher über die erste Auflage hinauskommen, sogar als Taschenbuch erscheinen, kann von seiner Arbeit kaum leben. So führt er eine nomadische Existenz, weil Stipendien ihn nach Budapest, Amman, Nizza, sogar New York führen. Beneidenswert ist das kaum: Die Einladung eines Professors zu einem Kongress in St. Petersburg kann er erst annehmen, als die Stiftung Pro Helvetia die Kosten trägt. „Gnadenlose Abzocker, diese Russen“, kommentiert der Autor. Andere Nöte drücken: Wie er Arztbehandlungen finanziert, ohne Mitgliedschaft in einer Krankenkasse. Oder ob er die Wohnung in Berlin halten kann, deren Miete erhöht wird. Ein Umzug wäre noch teurer. Er denkt über Görlitz nach: „Da könnten wir uns das Leben leisten...“

Die meisten Mails kreisen aber um künstlerische Fragen. Seinen Vorlieben und Abneigungen lässt Zschokke freien Lauf. Das unterhält, regt an, reizt gerade auch da, wo der Leser andere Ansichten hat. Auf Peter Handke lässt Zschokke nichts kommen: „Nicht Handke ist ein tragischer Fall, sondern der Literaturbetrieb ist einer, dessen Kopf vollgeschissen ist mit vorgefertigten Meinungen.“ Bei anderen fallen schnelle, scharfe Urteile. Felicitas Hoppe? „Fräuleinliteratur“. Raoul Schrott? „Ein Streber.“ Und Louis Begley nennt er „Udo Danello“, den „schwulen Bruder“ der Trivialautorin Uta Danella. Ebenso ätzt er über einen Pianisten: „Vergiss Stadtfeld … ein alertes Bürschchen, perfekt, gelackt, eiskalt.“ Die Schauspielerin Tilda Swinton erinnert ihn „entfernt an die Fassbinderlaien“. Von der Schauspielerei versteht er etwas, immerhin stand Zschokke selbst auf der Bühne und hat Filme gedreht, die gute Kritiken bekamen. Man findet eine Erinnerung an das Schauspielhaus Bochum, an Tana Schanzara.

Die Urteile kommen ungeschützt, subjektiv daher. Vieles trifft auch. So notiert Zschokke über eine Theaterarbeit von Jonathan Meese, er habe den Eindruck, Meese habe es darauf abgesehen, „seinen Tanten einen Schreck fürs Leben einzujagen“.

So hat man hier ein Wundertütenbuch, das immer wieder herrlich überrascht. Essen spielt eine wichtige Rolle. Als Schweizer hat Zschokke eine entschiedene Meinung zu Schokolade, Käse, Wein. Über Brathering wundert er sich: „Einen lecker marinierten, in Mehl gewendeten, kross gebratenen, fabelhaft schmeckenden Fisch so lange in eine Tunke zu tauchen, bis er ersoffen ist und matschig schmeckt wie Schlamm – was für ein kulinarisches Verbrechen!“ Bei der Fußball-WM erwärmt er sich für die deutsche Nationalmannschaft: „Die Italiener putzt Ihr weg wie nichts.“ Und mit welcher Verve er Araber und Muslime verteidigt gegen Vorurteile, weil er eben welche kennengelernt hat, das macht ihn sympathisch. Seinem in Köln lebenden Freund schreibt er aus Anlass des Moscheenstreits: „Eine Moschee vor der Tür ist ein Vergnügen, selbst wenn man gegen den Islam sein sollte. Am liebsten gleich groß wie Euer Dom und gleich daneben.“

Matthias Zschokke: Lieber Niels. Wallstein Verlag, Göttingen. 764 S., 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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