„Durch die Nacht zum Licht?“: Schau zur Arbeiterbewegung in Dortmund

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Mit dem Aufruf „Samstags gehört Vati mir“ (1956) kämpfte der DGB für die 40-Stunden-Woche. Das Plakat ist in der Ausstellung in Dortmund zu sehen.

Von Achim Lettmann DORTMUND - Ist das wirklich so lange her? 1956 kämpfte der Deutsche Gewerkschaftsbund für die 40-Stunden-Woche. „Samstags gehört Vati mir“ ist auf einem Plakat zu lesen, das zur Ausstellung „Durch Nacht zum Licht?“ über die Geschichte der Arbeiterbewegung von 1863 bis 2013 zählt.

Heute würden sich viele Arbeitnehmer freuen, wenn ihr Wochenende tatsächlich frei wäre. Die Organisation der Arbeitszeit bleibt nach wie vor aktuell. Das Gut „Arbeit“ ist von Branche zu Branche anders reguliert. Globalisierung und Digitalisierung bestimmen den Markt und drücken aufs Zeitverständnis. Dagegen nimmt sich so ein Wochenende mit „Vati“ marginal aus, bleibt aber für Mensch und Familie ein hohes Gut.

Wer sich die Ausstellung auf der Zeche Zollern in Dortmund anschaut, wird erstmal eine historische Präsentation erleben, die chronologisch sechs Kapitel anbietet. Wie bildete sich die Sozialdemokratie (1863 bis 1890), wie veränderten Maschinen- und Fließbandarbeit die Arbeitskultur (1919 bis 1940/45), oder welche Gewerkschaftsarbeit wurde in beiden deutschen Staaten (1945 bis 1980) geleistet? Solche Schlüsselfragen werden in der Schau, die das Technoseum in Mannheim erarbeitete, mit rund 500 Exponaten veranschaulicht. Dortmund ist nach Chemnitz die dritte Station. Der 150. Jahrestag der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) durch Ferdinand Lassalle in Leipzig ist Ausgangspunkt für eine Überblicksschau, die zeigt, was sich verändert hat.

Ausgangspunkt ist der emanzipatorische Impuls im 19. Jahrhundert: Arbeitende Menschen wollten politisch und gesellschaftlich ernst genommen werden. Nach der Revolution 1948/49 gab es keine Zünfte mehr, Wandergesellen boten ihre Handwerksdienste an. Und Stephan Born, ein Liberaler und Mitglied im Bund der Kommunisten, initiierte die „Organisation der Arbeit“, die Arbeiterverbrüderungen. Es ging weniger um Politik als um Verdienst und Existenz. August Bebel (1840–1913), Mitbegründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (1869), zählte zu den Wandergesellen. Eine gedrechselte Türklinke aus Horn (1870) ist in Dortmund zu sehen, sein Siegelring im roten Etui (1864) und zwei Tassen aus seinem Nachlass.

Wer bildete solche Arbeiter aus? Arbeiterbildungsvereine waren ab 1850 verboten. Nur die katholischen Gesellenvereine stabilisierten sich und zählten 1855 rund 12 000 Mitglieder.

Die Mechanisierung sorgte für mehr Produktivität. Schneidergesellen zettelten Arbeitskämpfe an, weil einfache Nähmaschinen Säume und Nähte schnell erledigten. Eine Opel-Nähmaschine aus Rüsselsheim steht für den Umbruch im Schneiderhandwerk. Die Ausstellung zeigt außerdem ein Gemälde, das thematisiert, wie Bergarbeiter im oberschlesischen Königshütte einen Markenapparat zerdeppern, der ihre Arbeitszeit messen sollte. Dieser Vorfall führte 1871 zu einem Streik und einem Aufstand, der niedergeschlagen wurde – zwölf Tote.

Mit Kohle und Stahl, mit der Industrialisierung formierte sich die Arbeiterschaft, die im Kaiserreich gegen die Sozialistengesetze (1878–90) protestierten. „Nieder mit Bismarck“ ist auf einem Zettel geschrieben, andere Agitationsmittel waren gedruckt: „Tot den Blutsaugern. Es lebe der Arbeiterstand“.

Die Dortmunder Ausstellung wird um 26 Porträts aus der Arbeiterbewegung des Ruhrgebiets ergänzt. Heinrich Kämpchen zählt dazu, der Arbeiterdichter aus Bochum-Linden, der als Sprecher beim Ruhrbergarbeiterstreik 1889 auftrat, und deshalb 1890 entlassen wurde. Aus seinem Knappenlied stammt die Zeile „Durch Nacht zum Licht“. Jeanette Wolff (1888–1976) führte als jüdische Sozialdemokratin 1912 in ihrer Textilfabrik in Bocholt den Acht-Stunden-Tag ein.

Das größte Schaustück ist ein Modell-T, das Henry Ford 1914 am Fließband bauen ließ, womit er den Stückpreis für Autos halbierte. Kleinteilig ist dagegen das Gros der Ausstellungsstücke wie eine Badehose des Arbeitersportvereins Fichte 1931/32. Turn- und Sportvereine, wie Mandolinenclubs, die Arbeiterwohlfahrt oder der Arbeiter-Samariterbund zählen zur Arbeitskultur, die neben Partei und Gewerkschaft in den 1920er Jahren die dritte Säule im Selbstverständnisses der Arbeiterschaft war.

Dieses Selbstverständnis, das die Nationalsozialisten zerschlugen (2. Mai 1933 Gewerkschaftsverbot), formierte sich nach 1945 in beiden deutschen Staaten ganz verschieden: In der DDR als Vermittler der SED-Politik und Planwirtschaft, in der BRD als politischer Teil einer Regierungskoalition und Tarifpartner der Gemeinwirtschaft. Und im vereinigten Deutschland ist das Selbstverständnis wieder neu gefragt.

Die Schau richtet sich auch an Jugendliche.

Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 bis 2013 im Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund.

Eröffung, heute, 18 Uhr; bis 18.10.; di-so 10 bis 18 Uhr;

Tel. 0231/6961 111

www.lwl-industriemuseum.de

Katalog 20 Euro, Begleitheft „Kampfzeiten“ 7,95 Euro

Quelle: wa.de

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