Düsseldorfer Kunsthalle zeigt den Künstler Tal R – bizarre, bunte Bildwelten

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„Pariswheel“ (2001, Collage auf Papier) von Tal R, zu sehen in Düsseldorf. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF–In der Kunsthalle Düsseldorf entfaltet sich ein anarchischer Zirkus: Ein sonnenartiges Gemälde blendet leuchtend gelb von der Wand des großen Saals, quietschend bunte Figuren wachsen aus dem Boden und eine seltsame Garderobe mit überdimensionalen bunten Wintermänteln steht unvermittelt am Eingang.

Mit dieser dichten Versammlung von Stücken verschiedenster Gestalt breitet der dänische Künstler Tal R sein Universum aus. „Mann über Bord“ nennt er die in sieben Inseln gegliederte Ausstellung und erinnert damit an eine große Abenteuerreise, bei der man im Strudel neuer Eindrücke auch mal vom Weg abkommt.

Tal R hat sichtbar große Lust am Verwirrspiel und an der Vielfalt. Der Kosmos des Malers und Bildhauers reicht von Versatzstücken der Kunstgeschichte über Volkstümliches bis zum medialen Trash des 21. Jahrhunderts. Zwischen die Sonnenstrahlen der Collage „Adieu interessant“ klebt er Bilder von religiösen Stätten, daneben Ausschnitte von Werbeanzeigen mit strahlenden Menschen, einen Totenkopf, traditionelle Ornamente und Sexszenen. Es glitzert und funkelt.

Zwischen den Skulpturen entsteht der Eindruck eines Dschungels: Pilzartig wuchern phallische Wachsskulpturen empor, überdimensionale Bälle breiten sich mit Stoffbahnen im Raum aus und von Schnüren überzogene Kugeln aus alten Speichen und Fahrradfelgen stehen widerspenstig im Weg herum.

Tal R, der mit vollem Namen Tal Rosenzweig heißt, wurde 1967 in Israel geboren, siedelte jedoch bereits kurz darauf mit seinen Eltern nach Kopenhagen um. Seit 2004 unterrichtet er an der Düsseldorfer Kunstakademie Malerei. Seit einigen Jahren stellt er international in großen Galerien und Museen aus und wird als „aufstrebender Künstler“ aufmerksam beobachtet. Er selbst versteht sich vor allem als Recycler von Kunst und Alltagskultur, der Beziehungen und Zusammenhänge neu aufzeigt. Ein „Kobolljnik“ sei er, sagte er einmal – damit bezeichnet man im Israelischen eine Art kollektiven Abfalleimer. So verarbeitet der Malereiprofessor ohne spürbare Berührungsängste die Werke der großen Meister der Kunstgeschichte, Pornos und Kitsch. Im prächtigen Durcheinander seiner Kunst gibt es offfenbar keine Wertung, allein die ästhetische Ordnung und die Aufmerksamkeit zählen. Dennoch wirkt sein Werk in der Kunsthalle in keinem Moment beliebig oder zufällig. Vielmehr kalkuliert Tal R die Sehgewohnheiten der Besucher und überrascht sie etwa mit obszönen Szenen, die sich bei näherem Betrachten aus den Gemälden, Collagen und Installationen herauskristallisieren.

„Ich habe immer einen Plan, immer einen Weg, dem ich folgen möchte. Aber am Ende interessiert mich viel stärker der Punkt, an dem meine Idee gewissermaßen umkehrt und mir ins Gesicht spuckt oder mich zurückweist“, beschrieb Tal R vor einigen Jahren seine Vorgehensweise anlässlich einer Schau in Tübingen.

Ist Tal R da noch der Herr seiner eigenen Kunst? Die Düsseldorfer Ausstellung präsentiert ihn in jedem Fall als einen vor Energie und Erfindungsgeist strotzenden Geschichtenerzähler. Auf seinen künstlerischen Erkundungen setzt er sich über Grenzen von Abstraktem und Gegenständlichen ebenso spielerisch und ironisch hinweg, wie über landläufigen Annahmen von Geschmack und Wert. Eine verrückte Abenteuerreise.

Parallel zur „Mann über Bord“-Schau zeigt die Kunsthalle die „Räume der Erinnerung“. Diese Ausstellung stellt sechs Nominierte des französischen Prix Marcel Duchamp vor, darunter einige junge Stars wie Cyrien Gaillard, der mit dem renommierten Preis ausgezeichnet wurde. In seinem Polaroid-Bilderatlas „Geographical Analogies“ dokumentiert er mythische Orte in der Natur und Denkmäler in den Städten. Die Verschmutzung und der Verfall, die im Schaukasten festgehalten sind, erscheinen dabei weniger als Zerstörung. Vielmehr geht es um die Spuren der Zeit und des Lebens, die sichtbar werden.

Die Schau

Eine schreiend bunte und überbordende Welt.

Tal R: Mann über Bord und Räume der Erinnerung in der Kunsthalle Düsseldorf. Bis 9. September, di-so 11 bis 18 Uhr; Katalog 27 Euro (Tal R), 23 Euro (Räume der Erinnerung). Telefon: 0211/8996243, http://www.kunsthalle-duesseldorf.de

Quelle: wa.de

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