Düsseldorf zeigt Liu Xiaodong, chinesischer Malerfürst

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Das Gemälde „Three Girls Watching TV“ (2001) aus der Sammlung Sander.

DÜSSELDORF - Es sind Alltagsszenen, die Liu Xiaodong auf großflächigen Leinwänden gemalt hat. Wer die Kunsthalle Düsseldorf besucht, gewinnt den Eindruck, endlich etwas über die Chinesen zu erfahren, das nicht vom linientreuen Fernsehen produziert wurde. Endlich ist eine Alternative zu Reportagen deutscher TV-Journalisten zu sehen, die von Vertretern der kommunistischen Partei und Polizisten kontrolliert wurden. Also, neue Bilder.

In Düsseldorf präsentiert der Künstler und Professor für Ölmalerei an der Universität Peking, Liu Xiaodong, sein Bild „The Last Hunter“ von 2017. Beim letzten Jäger muss es sehr kalt sein, lässt man das weiß-blaue Eis wirken, das sich im Bildhintergrund auftürmt. Doch davor wird es schon heimeliger, so konzentriert beugen sich Männer über den Fang, über Fische und einige Stücke davon. Zu ihrer geschäftigen Art passen zwei Mädchen, die bereits etwas kauen und wohl auf weitere Häppchen hoffen. Liu Xiaodong bringt uns die Personen näher. Modische Mützen, quergestreifte Jacken und eine junge Frau mit einer Unisex-Brille rücken das Generationenbild an unsere Erfahrungswelt heran. Und wer kennt nicht Frauen, die Fernsehen gucken, wie im Bild „Three Girls Watching TV“ (2001). Dass das Zimmer klein, die Lampe winzig und das Bett sehr einfach ist, wird durch ein Oberbett überspielt, das knallige Farben zeigt und lebhaft strukturiert ist. Die Frauen sind vom Monitorbild gebannt. Sie sind ganz unterschiedlich gekleidet und tragen modische Frisuren. China kommt uns näher, Xiaodong malt visuelle Brücken und zieht parallele Kulturstandards ein.

Die Ausstellung „Langsame Heimkehr“ (seit 1983) ist die erste Retrospektive Liu Xiaodongs, die in Düsseldorf als „Weltpremiere“ präsentiert wird. Der Künstler – 1963 in der Industriestadt Jiucheng geboren – lebt mittlerweile in Peking. Für seine Kunst ist er durchs ganze Land gereist. Er interessiert sich für Minderheiten, wie die Muslime in Hotan, besucht aber auch Chinesen in Jakarta oder beobachtet Syrer, die vor dem Bürgerkrieg in die Türkei fliehen. 1993 stellte er in New York bei dem amerikanischen Künstler Mark Tansey aus, als das Ende der Malerei postuliert wurde. Xiaodongs Bilder waren mit Werken chinesischer Künstler präsentiert worden, die ebenfalls figurativ arbeiteten.

Hatte Xiaodong anfangs noch von Fotografien abgemalt und das Leben seiner Figuren aus der Farbe heraus modelliert, trifft er mittlerweile die Menschen, spricht mit ihnen und nimmt die Begegnung in seinen Bildern auf. Xiaodong hat eine plakativen Stil entwickelt. Schnell und entschlossen ist sein Pinselstrich. Er stellt vor, hält fest und setzt seine Motive so selbstverständlich ins Bild, als gäbe es kein morgen. Liu Xiaodong zählt zu der Generation Künstler, die nach 1989 einen Neorealismus entwickelt haben, der auch auf unabhängige Filmemacher zurückgeht. Sie visualisierten eine antiromantische Lebensauffassung im Gegensatz zum offiziellen Stil des Ein-Parteien-Staats. Xiaodong will authentisch wie subjektiv sein und die Innenwelt der Chinesen zeigen, denen er begegnet ist.

Interessant sind die Strategien, mit denen Xiaodong seine Bildwelten gefällig macht und für einfache Wahrheiten öffnet. In dem Gemälde „Refugees IV“ (2015) sind die geflohenen Syrer wie Schutzbedürftige sitzend unter einer Decke versammelt. Sie vereinen in ihren Gesichtern Erschöpfung und Leere, aber auch Hoffnung und Zuversicht. Xiaodong, der in China immense Summen mit seinen Bildern verdient, fährt mit einem bis zu 20-köpfigen Team zu seinen Bildorten, die oft schon über die Medien bekannt sind. „Steel I“ (2016) beispielsweise zeigt Arbeiter, die Schrottschiffe mit Schneidbrennern zerlegen. Ein Stück Stahlwand wird von Männer geschleppt, die auf Flip Flops stehen. Es scheint, dass „Steel I“ vor allem diesen Gegensatz vermitteln will, wie in kritischen TV-Reportagen vielfach dokumentiert. Xiaodongs Malerei erhebt solche Missstände zu realistischer Kunst. Und was folgt daraus?

Die Malerei, die in China gut ankommt, wird auch inszeniert. Für das Gemälde „Qing Zang Railroad“ (2007) hat das Team des Künstlers zwei Pferde angemietet, die von zwei Männer geführt werden, während im Hintergrund ein Schnellzug durch die weite Landschaft schießt. Das Fortschrittsgefälle spielt noch mit Western-Motiven und ist in seinen epischen Ausmaßen vor allem simpel und klischeehaft. Es gibt immer wieder Bildfindungen, die westliche Standards aufgreifen. „Pigs“ (2000) zeigt Schweine auf einer Lkw-Ladefläche mit Wohnsilos im Hintergrund, die stumpf und grau sind. Leben die Menschen hier nicht viel besser als Nutztiere? Xiaodongs Gemälde erinnert an die Bildsprache von Comics.

Intensiver sind die Exponate, die eine Selbstempfindung der Figuren illusionieren. Wenn in „Bathtub, No.1“ (1993) ein junger Mann in Nahsicht in einer Badewanne gezeigt wird – privat, intim, subjektiv. Irgendwie hat er noch ein Geheimnis, das den jüngeren Arbeiten Xiaodongs nun abgeht. Die Innerlichkeit, die er seinen Figuren-Menschen abgewinnen will, gefriert zunehmend in einer Malerei, die recht kalkuliert daherkommt.

Die Schau

Ein chinesischer Malerfürst wird mit großformatigen Bildern vorgestellt. Eine interessante Reise zu den künstlerischen Erfolgsstrategien im Reich der Mitte.

Liu Xiaodong: Langsame Heimkehr in der Kunsthalle Düsseldorf. Bis 19. 8.; di-so 11 – 18 Uhr; Tel. 0211/ 89 962 40; www.kunsthalle-duesseldorf.de

Im NRW-Forum sind Fotografien und Doku-Filme von Xiaodong zu sehen. di-do 11–18 Uhr, fr bis 21 Uhr, sa 10–21 Uhr, so bis 18 Uhr; Tel. 0211/ 89 266 90; www.nrw-forum.de

Quelle: wa.de

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