Düsseldorf zeigt „El Greco und die Moderne“

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Entzückung vor der Kreuzigung: El Grecos „Entkleidung Christi“ (1580–1585) kam aus der Alten Pinakothek München nach Düsseldorf. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Wie eine Horde Untoter bedrängen die Schergen Christus. Einer zerrt schon an Kordel und Kittel. Nur der Ritter, in dessen Rüstung sich das rote Gewand spiegelt, bleibt unberührt. Im Vordergrund blicken die drei Marien schmerzvoll auf den Mann, der Nagellöcher ins Kreuz bohrt. Christus scheint unberührt vom Geschehen, sein tränenerfüllter Blick ist nach oben gerichtet. Der Betrachter erlebt die großen Gefühle mit, die Demütigung vor der Kreuzigung, das Leid der Freunde, aber auch der Ausweg ist angedeutet.

Das Bild ist in der Ausstellung „El Greco und die Moderne“ im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen. Die Schau ist ein Ereignis, es ist die erste museale Präsentation des Meisters in Deutschland mit mehr als 40 Werken, darunter zentrale Stücke wie die „Entleidung Christi“, der „Laokoon“ und die „Öffnung des fünften Siegels“. Zugleich kann man in ihr erstmals nachvollziehen, wie die Werke des Meisters aus Toledo auf die Künstler der Moderne wirkten. Weitere 70 Werke von 32 Künstlern sind zu sehen, darunter Cézanne, Picasso, Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Egon Schiele.

So suggestiv auch El Greco die Szene schuf – die „Entkleidung Christi“ steht so nicht in der Bibel. Aber sein zwischen 1580 und 1595 entstandenes Gemälde bedient den Zeitgeist der Gegenreformation. Es zielt darauf ab, dass der Betrachter mitfühlen kann, es soll Frömmigkeit und Leidenschaft vereinen. Auf den ersten Blick aber unterscheidet es sich von Bildern anderer Künstler an der Schwelle zum Barock. Wie er die Szenerie in kaltes Grau taucht und daraus grell die Farben der Gewänder auflohen lässt, das gibt jeden Realismus auf. Die Figuren sind deformiert, der Raum löst sich auf. Der Handwerker am Kreuz scheint aus dem Bild zu stürzen. El Greco geht über Realismus hinaus, er bringt uns dazu, eine rauschhafte Bewegung zu erkennen.

Kein Wunder, dass die Künstler um 1900 den lange verkannten Meister neu entdeckten. Domenikos Theotokópoulos, 1541 auf Kreta geboren, 1614 in Toledo gestorben, hatte zunächst Ikonen gemalt, dann in Rom bei Tizian gelernt, ehe er 1577 nach Spanien ging, wo er seinen Rufnamen erhielt: El Greco, der Grieche. Seine Malerei wurde nicht immer geschätzt, neun Prozesse sind dokumentiert, in dem seine Kunden Mängel reklamierten. Aber er führte bedeutende Aufträge aus, für den Hof und für große Kirchen. Lange war sein Werk vergessen. Im 19. Jahrhundert erlebte es neue Wertschätzung, der Prado stellt seine Bilder aus, Künstler wie Cézanne und Picasso kopieren sie. 1912 zeigt der Sammler Marczell von Nemes seine Sammlung in Düsseldorf, ein geplanter Ankauf scheitert. Die Sonderbundausstellung in Köln im gleichen Jahr würdigt neben van Gogh und Munch als einzigen nichtzeitgenössischen Künstler El Greco. Die Schau im Kunstpalast vollzieht die damalige Konfrontation nach.

Die von Museumsdirektor Beat Wismer kuratierte Schau vermittelt einen hinreißenden Querschnitt durch das Schaffen El Grecos, von einer frühen Ikone und einem italienisch geprägten „Abendmahl“ aus den 1560er Jahren bis hin zum ekstatischen Spätwerk. Werkgruppen zeigen, wie der Maler Themen gleichsam in Serie bearbeitete. Fünf Mal sieht man den heiligen Franziskus, zwei Mal den büßenden Hieronymus, dazu die büßende Maria Magdalena. Es gibt Tafeln aus einer Apostelserie, Porträts, große Altarszenen.

Besonders wirkten die späten visionären Szenen nach. Der „Laokoon“ aus der National Gallery in Washington (um 1610–1614) zeigt den trojanischen Priester und seine Söhne mit den Schlangen zwar auf Felsen, aber die sind nur noch eine amorphe braune Masse ohne Beziehung zu den Körpern. Der Himmel erscheint als blauweiße Abstraktion, und statt Troja setzte der Maler seine Heimatstadt Toledo in den Hintergrund. Im Gemälde „Die Öffnung des fünften Siegels“ (um 1608–1614) gibt es keinen realen Bildraum mehr, nur braunen Grund, einen energiedurchzuckten Himmel und farbige Tücher. Der Apostel Johannes und verschiedene nackte Gestalten wirken wie Skulpturen in einem Ausstellungsraum.

Winzig wirkt der Kopf des Petrus auf dem überlebensgroßen Gemälde aus dem Escorial (1608–1614). Steht der Betrachter vor dem Bild, scheint der Apostel aufzuragen wie ein Riese, man sieht das durchgearbeitete Gesicht auf der gelben Toga, und es ist, als habe El Greco ein Weitwinkelfoto benutzt, um diese Monumentalisierung zu erreichen.

Diese Gestaltungsmittel nehmen Errungenschaften der Moderne vorweg. Und man sieht in den gegenübergestellten Werken besonders der Expressionisten, wie unmittelbar sie diese Anregungen verarbeiteten. Egon Schieles ausgemergelte „Propheten“ (1911) zum Beispiel. In Max Beckmanns „Kreuzabnahme“ (1917) aus dem MoMA in New York scheint der tote Christus den Bildrahmen zu sprengen. Und Ludwig Meidners „Apokalyptische Landschaft“, die unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg seine Schrecken vorausdeutet, offenbart in Blickweite zum „Laokoon“ ihre Inspirationsquelle. Und selbst die so ruhigen Skulpturen Wilhelm Lehmbrucks wurden von den Gemälden des Manieristen angeregt.

Quelle: wa.de

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