K 20 in Düsseldorf zeigt „Fresh Widow“. Was Duchamp, Eliasson, Magritte und und Matisse zu „Fenstern“ bieten

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Fenster, aus Licht gebaut und in Bewegung versetzt: Olafur Eliassons „Your Roundabout Movie“ . ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Der Betrachter sieht schwarz bei der französischen Fenstertür. Auf die Scheiben montierte Marcel Duchamp schwarzes Leder. Der Durchblick ist versperrt, man schaut in ein Nichts. Das Leder, schlug Duchamp zu seinem 1920 konzipierten Werk vor, könne man blank polieren, bis man sich spiegelt. Hinterlistig spielt der Künstler mit dem Narzissmus des Betrachters. Die Arbeit nannte er „Fresh Widow“, machte durch Auslassen eines Buchstaben aus dem französischen Fenster eine frische Witwe.

Wenn man Werk und Titel kennt, weiß man, woher der Name der Ausstellung mit Fensterdarstellungen in der Moderne stammt. Die Kunstsammlung K 20 in Düsseldorf zeigt rund 100 Werke von 18 Künstlern, darunter einige gefeierte Klassiker der Moderne wie Henri Matisse und René Magritte, mit Leihgaben aus dem MoMA in New York, dem Centre Pompidou in Paris, der National Gallery of Victoria in Melbourne.

Das Thema mag dem Laien willkürlich scheinen. Tatsächlich aber greift die von Maria Müller-Schareck kuratierte Schau eine Metapher auf, die seit Jahrhunderten in der Kunst geläufig ist. Der italienische Gelehrte Leon Battista Alberti formulierte sie 1435, indem er den Blick auf ein Gemälde mit dem durch ein Fenster verglich. Immer wieder in der Kunstgeschichte spielten Maler mit dem Motiv, berühmt zum Beispiel ist Caspar David Friedrichs „Frau am Fenster“.

Im 20. Jahrhundert gingen viele Sicherheiten verloren, auch die, dass die Welt grundsätzlich in Kunstwerken darstellbar sei. Das Fenster blieb Bildthema, aber die Art, wie Künstler damit umgingen, veränderte sich. Die Öffnungen der neuen Werke führten in andere Seh-Welten als zuvor. Ins Nichts oder zur eigenen Eitelkeit zum Beispiel wie beim Ironiker Duchamp. Oder in die absurde Brechung von Erwartungen wie bei Magritte, der in „Le soir qui tombe“ (Der Abend, der fällt, 1964) die untergehende rote Sonne hinter einem zersplitterten Fenster zeigt. Doch die Scherben des zerstörten Fensters zeigen exakt dasselbe Motiv: Wie echt ist die „Außenwelt“ dieses Bildes, oder erblicken wir einfach nur eine weitere bemalte Scheibe?

Die Düsseldorfer Schau, klug inszeniert und großzügig gehängt, die jeweils Werke von nur wenigen Künstlern kombinieren, setzt vor 100 Jahren ein, mit einem Werk aus eigenem Bestand. Robert Delaunay zeigt 1910 den Eiffelturm durch ein Fenster (La tour aux rideaux), die Vorhänge rechts und links, die schräg angedeutete Fensterbank unten machen klar, dass er noch das traditionelle Konzept anwendet. Aber schon 1912 in seiner Serie der „Fenêtres“ hat er seine Methode radikal geändert. Die Bildfläche zerfällt in prismatische Felder, und in dem kubistischen Mosaik blitzen reale Motive nur noch auf, eine Hausfront, ein Baum, immer wieder der markante Turm. Was man sieht, entspricht keiner äußerlichen Realität mehr.

Noch radikaler verstellt Matisse 1914 den Blick in seinem Gemälde „Porte-fenêtre à Collioure“, das eigentlich aus Farbstreifen besteht, die der Betrachter zum Motiv einer geöffneten Fenstertür ergänzt. Das Bildzentrum besteht aus einer massiv schwarzen Fläche. Geplant hat der französische Maler das ursprünglich nicht, das Schwarz sollte nur überdecken, was er für misslungen hielt. Aber das Bild blieb so, wurde von den Surrealisten bewundert und stellt dem Betrachter noch heute Rätsel, weil es zwischen Darstellung und reiner Flächigkeit oszilliert.

Die Ausstellung kommt abwechslungsreich daher. Welten liegen zwischen Magritte und den monumentalen Gemälden Robert Motherwells aus seiner „Open“- Serie, bei denen er mit minimalistischer Reduktion auf einer monochrom gelben fast drei Meter hohen Leinwand mit einigen Kohlelinien eine Öffnung andeutet. Ellsworth Kelly ließ sich 1949 im Pariser Musée d'art moderne inspirieren, erzählt, dass ihn irgendwann die Fenster mehr interessierten als die Bilder darin. Sein „Window V“ (1950), ein extremes Hochformat, das durch eine Ausbuchtung links zum Fünfeck wird, kann man als den sichtbaren Teil eines verschatteten Fensters deuten.

Josef Albers entwickelte die Hommagen ans Quadrat aus Architekturmotiven. Man sieht in Düsseldorf eben auch die um 1960 entstandenen geometrischen Bilder auf Masonit, deren Herkunft aus südamerikanischen Häuserfronten erkennbar ist. Ein „Gitterbild“ (1921) besteht aus mit Draht verflochtenen Glasstücken.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der Raum mit den Schaufenstern Christos, der 1964 zunächst das Fenster der Düsseldorfer Galerie Schmela verhängt hatte, dann aber einzelne Schaufenster oder auch die Fassade eines Ladens als Wandobjekte schuf, wobei immer Stoff- oder Papierbahnen den Blick auf die Waren verstellen.

Ein faszinierender Rundgang offenbart, wie das Fenster Künstler bis in die Gegenwart beschäftigt. Gerhard Richter malte 1968 Fenster mit illusionistischen Schatten, die nichts zeigen als graue Geometrie. Oder er stellt sieben große Glasscheiben frei in den Raum, die das Licht vielfältig brechen. Olafur Eliasson projiziert ein Fenster aus Licht an eine Wand. In „Your Roundabout Movie“ (2010) setzt er Fenster aus farbigem Licht in Bewegung. Und Jochem Hendricks lässt es in seinem Video „Front Windows“ (2008/09) richtig krachen: Wir sehen die Front eines verlassenen Hauses, dessen zahllose Fenster jemand von innen mit Steinen zerstört.

Die Schau

Ein unerwartet ergiebiges Thema zeigt, dass die Künstler bis in die Gegenwart mit dem Fenster noch nicht fertig sind: Fresh Widow in der Kunstsammmlung NRW K 20.

Bis 12.8., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 204, http://www.kunstsammlung.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 36 Euro

Quelle: wa.de

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