Düsseldorf: Julia Stoschek Collection zeigt Videokunst

+
Nancy Holts „Sun Tunnels“ (1978), zu sehen in Düsseldorf. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF–Der lustvolle Kopfsprung ins Wasser endet mit einer blutigen Nase. Die beiden jungen Männer steigen mit erschrockener, schmerzverzerrter Miene aus dem großen See, der sich beim Aufprall als ziemlich flach herausstellte. Das Gewässer, das Teil eines urbanen Wohnparks mit monumentalen Betonbögen ist, hat nicht gehalten, was es augenscheinlich verspricht.

Cyprien Gaillard filmte „The Lake Arches“ 2007 als einen Kommentar zur postmodernen Architektur. Oberflächlich und menschenfeindlich erscheint diese in dem knapp zweiminütigen Video. Andere Arbeiten des jungen Franzosen schildern wiederum die Romantik und Schönheit von Bausünden der 1970er Jahre und die Vereinnahmung von Maya-Kultstätten in Cancun durch amerikanische Touristen. Mit dieser Perspektive prägt er die aktuelle Schau der Düsseldorfer Julia-Stoschek-Collection: „Cities of Gold and Mirrors“ – so heißt auch Gaillards filmischer Perspektive auf Mexiko.

In ihrer fünften Ausstellung konzentriert sich Stoschek auf dieses Wechselspiel zwischen Architektur, Städten und den Menschen, die dort leben: Wie prägt dieses Umfeld, wie arrangiert sich der Mensch damit? Die Schau speist sich aus der Sammlung, 44 Arbeiten von 35 Künstlern sind in den Räumen in Düsseldorf-Oberkassel zu sehen. Der mediale Schwerpunkt entspricht den Interessen der jungen Mäzenin: Videokunst.

Der US-Architekt und Konzeptkünstler Gordon Matta-Clark (1943-1978) prägte mit seinen Filmen diese so genannte zeitbasierte Kunst, er verstand sie als Dokument seiner Performances und Interventionen. Fünf Filme des Visionärs sind in der Schau zu sehen, und „Splitting“ steht vielleicht stellvertretend für Matta-Clarks Anspruch: Man sieht ihn in den 1974 gefilmten Szenen mit einer lächerlich kleinen Motorsäge im Kampf gegen den Beton eines leer stehenden Hauses in New York. Doch tatsächlich ist der Mann stärker als der Stein, und bald klafft ein Spalt im Haus: Senkrecht zieht er sich durch die Außenwand. Die pixeligen Bilder der Kamera zeigen Sonnenstrahlen im Inneren, der Riss ermöglicht neue Blicke auf das Außen, abseits des Vorgesehenen und Geplanten.

Es sind solche poetischen Bilder, die viele der Künstler mit ihren Kameras zwischen Plattenbauten, Schutt und Straßen suchen. Der kleine Triumph des Menschen über die Baunorm. Francis Alys porträtiert über fast 30 Filmminuten die Versuche des Fahrers eines knatternden roten VW-Käfer, einen Hügel im ländlichen Mexiko zu erklimmen. Immer wieder fährt das kleine Auto an, nimmt Schwung, fährt die kaum befestigte Straße hoch – und rollt kurz vor dem Gipfel doch wieder zurück. Ein Sisyphos auf vier Rädern. „Rehearsal“ (1999-2001) nannte Alys das Stück, und er deutet damit auf den Kreislauf des ewigen Probierens.

Nicht alle Positionen in der Schau beziehen sich so konkret auf die gebauten Lebensumstände. Gerade im ersten Stock des historischen Düsseldorfer Fabrikgebäudes ist das Themenspektrum weiter gefasst. David Claerbouts „American Car“ enttarnt in zwei parallel laufenden Filmen mit mysteriösen Szenen über ein Auto, das einsam in der Landschaft steht, die gängigen Sehgewohnheiten und -erfahrungen. Aufnahmen von Nancy Holts „Sun Tunnels“, Betonröhren in der Einsamkeit der Wüste, eröffnen neue Blicke auf die Kraft und Schönheit der Sonne.

Ohne Strom und Drehbuch kommt in den „Cities of Gold and Mirrors“ eine Arbeit von Olafur Eliasson aus. Der dänische Künstler setzte 2007, während des großen Umbaus des Gebäudes zur Ausstellungshalle, 16 geometrische Formen in die Wand ein. Über 36 Meter ziehen sie sich an der Verschalungswand entlang und lassen ein wenig Tageslicht in den Raum blitzen. Die prismenartigen Elemente aus Stahl, Glas und Spiegeln ziehen den Blick an, wecken die Neugier und den Spieltrieb. Wie ein Kaleidoskop.

Die Schau

Videokunst, die das Verhältnis Stadt und Mensch vielfältig thematisieren. Cities of Gold and Mirrors in der Julia Stoschek Collection Düsseldorf.

Bis Sommer 2012. Geöffnet samstags, 11-18 Uhr.

Tel. 0211/5858840,

http://www.julia-stoschek-collection. net

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare