Druckgrafiken der Sammlung Kemp im Museum Kunstpalast Düsseldorf

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Starke Farben und ein gelber Puderquast: „France Bleu“ (Siebdruck) von Martial Raysse, 1963, zu sehen im Düsseldorfer Kunstpalast.

DÜSSELDORF - Willi Kemp ist ein Glücksfall. Er sammelt seit den 60er Jahren Kunst zum Thema Farbe und Form. Dem Museum Kunstpalast in Düsseldorf überlässt er nach und nach seine gesamte Sammlung. Museumsdirektor Beat Wismer hat bereits mit Werken aus dem ersten Schenkungsakt von 4000 Bildern verschiedene Ausstellungen konzipiert: „Mehr Weiß als Schwarz“, „Fantastisch bis nüchtern“ und „Kunst der Nachkriegszeit“.

Es gibt immer wieder Menschen wie Kemp, die Bilder, Objekte und Ausstellungsstücke einem Museum vermachen wollen, aber mittlerweile müssen große Häuser solche Offerten ablehnen, weil die Kapazitäten und Räume fehlen, um alle Kunst tatsächlich zu präsentieren. Im Fall Kemp ist das anders.

Derzeit stellt das Museum Kunstpalast die Druckgrafik von Willi Kemp aus. In einem weiteren Schenkungsakt sind dem Haus über 1000 Blätter vermacht worden. Die Schau „Farbenfroh“ bietet allerdings mit 70 Arbeiten nur ein paar „Farbspritzer“, aus diesem Konvolut.

Ausgangspunkt für die Hängung war Rupprecht Geiger. Die Kuratorin Gunda Luyken hat sich für eine zwanzigteilige Serie Geigers entschieden: „Zurückgehen, Weitergehen, Fortgehen“ (1996). Geiger, der seit den 60er Jahren die rauschhafte Wirkung von floureszierenden Farben erprobt, setzt hier jeweils ein Viereck in Konkurrenz zur Fläche. Mit zwei verschiedenen Farben entwickelt er eine Polarität, die weniger auf die Rivalität der Farbflächen setzt denn einen schwebenden Wirkzustand schafft. Der Grund dafür ist, dass Geiger die „leichtere“ Farbe nach unten ins Bild nimmt.

Geiger zählt zu den Nachkriegskünstlern, die sich früh für die Wirkung von Farben interessiert haben. Im 2. Weltkrieg war Rupprecht Geiger als Kriegsmaler an der Ostfront eingesetzt. Immer wieder linderte das Rot im Abendhimmel, das er malte, seine Kriegsmüdigkeit. Zurück in München sah er eine Frau, die mit ihrem roten Pullover aus dem Grau der Stadt herausstach. Und als Rupprecht Geiger in einem Care-Paket einen roten Lippenstift fand, war für ihn klar, Rot wird seine Studienfarbe. Das Video „Ein Jahr nach seinem Tod“ (2010), das in der Ausstellung zu sehen ist, bringt einem den Künstler und sein Verhältnis zur Farbe näher.

Die Ausstellung „Farbenfroh“ demonstriert, wie unterschiedlich die Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Farbe gearbeitet haben. Das älteste Blatt, „Berliner Häuser“ (1949) von Werner Heldt, schiebt die architektonischen Indizien einer Straßenzeile mit Grün zu einem abstrakten Gefüge zusammen, ohne Berlin zu lokalisieren. Es geht um Form- und Farbverhältnisse. Auch das herrliche Blatt von Hans Arp daneben ist nach dem Prinzip Form trifft Farbe gearbeitet. Arps typische organische Gebilde stoßen in Braun, Blau und Grün ganz undramatisch aneinander. Eine Balance.

Farbe löst sich ganz entschieden von der Form. Die Stilrichtung des „Nouveau Réalisme“ kombinierte Kunst mit dem Alltagsleben. Eine kleine Arbeit von Martial Raysse überzieht das Gesicht eines gedruckten Frauenporträts mit grellem Blau. Die Hommage an Yves Klein, der seine Werke aus einem Blau schuf, das alles überstrahlte, kokettiert noch mit einem rosa Puderquast, der das Werk niedlich akzentuiert: „France bleu“ (1963).

Die Ausstellung in Düsseldorf lebt von der Konzentration. Beispielsweise hat Ulrich Erben die Farben, die er in den Landschaften Italiens gesehen hat, zu Farbklängen aus der Natur gestaffelt. Nur entfernt erinnern seine vier Serigraphien „Untitled“ (1998) an Landschaftsbilder, aber der geometrische Grundaufbau sortiert Orangebraun mit Grün in Hell und Dunkel wie auch Rotbraun mit Blau oder Rotbraun mit Grün. Die Farbübergänge wirken fransig, aufgebrochen.

Dagegen hat Valerio Adami seine Farbfelder mit schwarzen Linien voneinander getrennt. Ganz akkurat wirkt das in den Arbeiten „Wien“ (1974), „Eugen d’Albert und Pablo Casals“ (1970) und „Ohne Titel“ (1970). Die Farben sind gleichsam Elemente eines gegenständlichen Bilds, das der Künstler anders, also rätselhaft, zusammengesetzt hat. „Ohne Titel“ bietet dosierte Erotik und könnte auch Frau auf grünem Bett heißen. Was ist zu sehen?

„Hommage to the Square“ von Josef Albers zählt natürlich mit mehreren Blättern zu Kemps Sammelkonvolut. Die Reihe der Farbstudien mit Quadraten erinnert daran, dass Albers nach seiner Emigration in die USA und seiner Lehrtätigkeit das Buch „Interaction of Color“ 1963 publizierte. Die Farbe wurde als Gegenstand der neuen Malerei selbst begriffen und das Sehen als didaktische Aufgabe, um die Eigengesetzlichkeit der Farbe zu verstehen.

In Düsseldorf lässt sich noch das Spiel der Formen anhand der Dreiecke von Wilfried Gaul studieren: „Ohne Titel“ (1969). In Rot-Blau-Rot wechseln die Linien auf Gelb und Grün. Insgesamt sind zehn Arbeiten von Gaul in vier Serien ausgestellt. Die zwei flächigen Kreuze von Ellsworth Kelly („brandings x“, 1958) in Gelb und Orange wirken dagegen wie neue Bildbehauptungen ohne Probierstatus. Außerdem sind noch Werke von Heinz Mack, Fritz Schwegler, Fernand Léger und Robert Indiana ausgestellt.

Willi Kemp hat die Druckgrafiken mit einem Bestandkatalog, den er selbst mit allen Eintragungen erarbeitet hat, dem Museum übergeben. Der Kunstpalast wird in nächster Zeit eine Ausstellung zu Gotthard Graubner konzipieren, die ganz aus der Sammlung Kemp und dem Eigenbestand zusammengestellt ist. Museumsdirektor Beat Wismer freut sich über die Sammlung Kemp, und er weiß von den Briefwechseln, die Kemp mit den Künstlern geführt hat: „Da sind wir noch gespannt drauf.“ Kemp hat immer „seine“ Künstler aufgesucht und möglichst den persönlichen Kontakt gepflegt. Mit vielen Düsseldorfer Künstlern ist er befreundet. - Von Achim Lettmann

Die Schau

Exemplarischer Blick auf die Wertigkeit von Farbe in der Druckgrafik der Nachkriegszeit.

Farbenfroh. Grafik aus der Sammlung Kemp im Museum Kunstpalast in Düsseldorf.

Bis 27. Oktober; di-so 11 bis 18 Uhr; Bestandskatalog 29 Euro

Tel. 0211/8996211

Am Donnerstag, 15. August,

19 Uhr, spricht Gunda Luyken, Leiterin der Graphischen Sammlung, über die Graphische Sammlung. www.smkp.de

Quelle: wa.de

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