Das Dresdner Schloss erhält neue Sgraffiti

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Der Westflügel des Großen Schlosshofes in Dresden ist bereits mit Sgraffiti ausgeschmückt. Am Ostflügel wird noch gearbetet.

Von Achim Lettmann ▪ DRESDEN–Auch Martin Luther hatte dazu geraten. Bilder auf die Schlossfassade in Dresden zu bringen, um die Absichten des Herrschers zu erläutern. Für Moritz, Herzog und Kurfürst von Sachsen (1521-53), dekorierten italienische Künstler das Fürstenhaus mit weithin sichtbaren Sgraffiti (Putzkratzbilder). Das visuelle Programm stellte den Herrscher Mitte des 16. Jahrhunderts als umsichtigen Mann vor, der seine wechselvollen Entscheidungen letztlich im Sinne des Landes Sachsen vollzogen hatte. Oder: Er beschönigte seine Pendelpolitik zwischen katholischem Kaiser und protestantischen Fürsten.

Derzeit wird ein Teil von Moritz‘ Sgraffiti im Großen Schlosshof nachempfunden. Nirgendwo in Europa war diese Bildtechnik so großflächig ausgeführt worden wie am Hof in Dresden. Der Staat Sachsen saniert das Residenzschloss für die Dresdener Kunstsammlungen. Im Zuge des langjährigen Bauvorhabens (350 Millionen Euro) haben Künstler und Restauratoren Ikonografien entwickelt, die sich an Gemälden und Kupferstichen aus der Zeit orientieren. Denn die Bildfolgen des 16. Jahrhunderts sind längst abgeblättert.

In der Gotischen Halle des Ostflügels ist ein Atelier eingerichtet, um die Bildvorlagen zu erstellen. Es geht um römische Geschichte, um Tugendhelden wie Mucius Scaevola, Marcus Curtius oder Titus Manlius. Professor Gerhard Glaser, Landeskonservator a.D und Architekt, ist für den großen Schlosshof verantwortlich. Außerdem geht es um Erzählungen aus dem Alten Testament. Und es gibt einen Tritonenfries, der zeigt, wie sich Meereswesen bekriegen, die lange fischartige Schwänze haben. Da wird mit Schwertern zugestoßen, da werden Messer gezückt und an Haaren gerissen. Die Tritonen wirken marcialisch.

Denkmalpfleger begutachten die Figurengruppen der Sgraffiteure. Ihre Entwürfe werden dann vergrößert und auf Pergamentpapier übertragen. Mit Kohlestaub lassen sich durch die perforierten Gestaltlinien nun die Bilder auf die Schlossfassade übertragen. Die Sgraffito-Schicht besteht aus schwarzem Putz, der zweimal mit Kalk überstrichen wird. Wenn die Sgraffiteure durch die helle Kalkschicht kratzen, kommt der dunkle Putz zum Vorschein. Es entstehen markante Bilder in Schwarzweiß.

Zum Beispiel ist im zweiten Obergeschoss des Ostflügels der Feldherr Scipio Africanus maior (235 bis 183 v. Chr.) zu sehen. Seine Bündnispolitik mit Karthago stärkte Roms Stellung. Der Sgraffito-Auftraggeber Moritz rückte seine eigene Politik in die Nähe des römischen Feldherrn. Der Kurfürst von Sachsen hatte für den katholischen Kaiser Karl V. 1542/44 gegen Türken und Franzosen gekämpft, um seine Macht auszubauen. Nachdem er kurzzeitig mit den protestantischen Landesfürsten des Schmalkaldischen Bundes paktierte, blieb er im Krieg Karl V. gegen diese Vereinigung neutral. Moritz, der als „Judas von Meißen“ geschmäht wurde, war der erste Herrscher, der Politik und Religion trennte. Später wendete er sich vom Kaiser ab. Er zettelte die Fürstenverschwörung gegen Karl V. an und festigte mit seiner Politik das Reichsfürstentum gegen das Kaisertum. Im Augsburger Religionsfrieden 1555 wurde der religiöse Dualismus in Deutschland anerkannt. Der Protestantismus war mit Hilfe Moritz‘ festgeschrieben („Retter der Lutherischen“). Sein Bruder August („Vater Sachsens“) sollte ab 1553 den Territorialstaat Sachsen stabilisieren. Kurfürst Moritz war in der Schlacht bei Sievershausen tödlich verletzt worden. August führte auch den künstlerischen Umbau des Residenzschlosses fort, den sein Bruder begonnen hatte. Die Wandbilder sind der Tugendspiegel für Moritz‘ Bündnispolitik, die seine Zeitgenossen noch abgelehnt hatten.

Der Große Schlosshof in Dresden soll ganz mit Sgraffiti ausgestaltet werden. Weil das Land Sachsen aber einen Sparkurs beschlossen hat, wird das Bildprogramm 2011 erstmal gestoppt. Die Sgraffiteure können weiter Entwürfe entwickeln, aber auf die Fassaden gebracht werden die Kratzbilder vorerst nicht.

Quelle: wa.de

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