„Dreckige Spaghetti“: Uwe Killings Geschichte des Italo-Westerns

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Mit Sarg und Zigarillo: Franco Nero als Django ▪

Von Frank Osiewacz ▪ Auf einmal hatten die Helden des Wilden Westens ein neues Gesicht: Sie ritten auf Mauleseln in mexikanische Dörfer, spielten Mundharmonika und zogen Särge durch den Schlamm. Sie waren unberechenbar, unkommunikativ und unrasiert. An ihren Stiefeln haftete Staub und Dreck, und sie hinterließen eine blutige Spur.

1964 legte Sergio Leone mit „Für eine Handvoll Dollar“ und dem unbekannten Clint Eastwood den Grundstein für ein Genre, das unter dem Etikett „Italo-Western“ in rund zehn Jahren an die 500 Filme hervorbrachte – von Meisterwerken, die das Western-Thema mit neuer Bildersprache revolutionierten, bis zu grotesken Verballhornungen.

Uwe Killing hat die Geschichte des Italo-Westerns in seinem Prachtband „Dreckige Spaghetti“ aufgeschrieben und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet – das alles im filmgerechten Breitwandformat. Dabei widersteht Killing der Versuchung, ein ermüdendes A bis Z der Filme lexikonartig abzuarbeiten, sondern bietet mit seinen fünf Themenblöcken „Die Historie“, „Der Stil“, „Die Helden“, „Die Frauen“ und „Der Mythos“ hintergründigen und kurzweiligen Lesestoff.

Der Sprung in die Gegenwart fällt nicht schwer, denn mit „Django Unchained“ hat Quentin Tarantino einen Italo-Western im Hollywood-Format gedreht. „Django Unchained“ steckt voller Reminiszenzen an die Ära der Großmeister und Urväter des Genres, Sergio Leone und Sergio Corbucci.

Tarantino zitiert im Titel Corbuccis Meisterwerk „Django“ (1966), ironisiert das Thema durch einen Gastauftritt des damaligen Hauptdarstellers Franco Nero und bietet mit Golden-Globe-Gewinner Christoph Waltz den Kinski der Neuzeit auf. Seinen Helden jagt Tarantino durch eine Schneewüste wie einst Corbucci in „Leichen pflastern seinen Weg“. Das Ganze steckt voller Brutalität, Kameraeinstellungen „made by Leone“ und netter Details: Beispielsweise heißt ein Saloon „Minnesota Clay“ – eine Anspielung auf den gleichnamigen Film von Sergio Corbucci (1964).

Autor Uwe Killing richtet seinen Fokus oft auf Episoden am Rande. Das tut dem Buch gut und trägt dazu bei, dass die Geschichte eines Genres lebendig wird. Angefangen 1959 in der spanischen Provinz Almeria, als die vier Freunde Duccio Tessari, Sergio Corbucci, Enzo Barboni und Sergio Leone als Teil der Filmcrew von „Die letzten Tage von Pompeji“ beschließen, lieber Western als „Sandalenfilme“ zu drehen. Leone kehrt 1964 zurück nach Spanien und macht mit „Für eine Handvoll Dollar“ ernst.

Vor allem Leone und Corbucci ziehen das Wildwest-Genre auf links. Killing beschreibt das eindrucksvoll. Es geht nicht mehr um den Kampf gegen die Eingeborenen, sondern um Rebellion im Grenzgebiet zu Mexiko, um Geld und Gold und Rache. Wo im US-Western niemand schwitzt, steckt der Italo-Western tief in Schweiß und Schlamm („Django“). Tabubrüche mit dem US-Kino gibt es nonstop, von der offen gezeigten Brutalität bis zu den Frauenrollen, die nun auch auf den eiskalten Racheengel zugeschnitten sind. Die Kamera zeigt kleinste Details in Leinwand füllenden Großaufnahmen. Auch diese Perspektive ist neu.

Am Beispiel von Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ verdeutlicht der Autor, wie Kamera, Darsteller und Musik in Einklang stehen. Mit Ennio Morricone hatte Sergio Leone seinen kongenialen Partner gefunden. Morricone setzte nicht permanent auf Musik, sondern schuf einen Rhythmus aus Geräuschen, der mit den Bildern harmonierte. Vom Pfeifen einer Dampflok über das Quietschen eines Windrades bis zum Summen einer Fliege. So entsteht eine neue Art von Spannungsbogen.

Killing hat zudem den Mut, „sieben glorreiche Halunken“ zu porträtieren. Franco Nero, Klaus Kinski, Gianni Garko, Bud Spencer, Terence Hill, Clint Eastwood und Lee Van Cleef erhebt er damit in den Adelsstand des Italo-Western. Die Porträts sind kurzweilig und legen den Blick frei auf die Hauptdarsteller des Genres.

Mit einem Lexikon, das sowohl Regisseure, Darsteller und Motive umfasst, einem aktuellen Tarantino-Interview zu „Django Unchained“ und Repros internationaler Kino-Poster gelingt Killing ein farbenprächtiger Showdown für diesen Band.

Uwe Killing: Dreckige Spaghetti. Die glorreiche Geschichte des Italo-Western. Hannibal Verlag, Innsbruck. 252 S., 49,99 Euro.

Quelle: wa.de

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